"Eurovegas" : Zocker sollen Spanien retten

Hochverschuldete Regionalregierungen wollen Spielerstädte bauen lassen, um ihre Probleme zu lösen – das geht nicht ohne Proteste.

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„Eurovegas no“. Demonstranten am Samstag in Madrid.
„Eurovegas no“. Demonstranten am Samstag in Madrid.Foto: REUTERS

Madrid - Ein US-Milliardär will in der Nähe von Madrid mindestens 260 000 neue Jobs schaffen und 17 Milliarden Euro investieren. Eine gigantische Glücksspiel- und Freizeitstadt soll vor den Toren der spanischen Hauptstadt entstehen. Ein Las Vegas in Europa, das der amerikanische Kasino-Mogul Sheldon Adelson unter dem Namen „Eurovegas“ errichten will.

Um das Projekt hatten sich die beiden Regionalregierungen von Madrid und Katalonien beworben. Die Region Madrid bekam den Zuschlag. Im Gegenzug kündigte die Region Katalonien am Wochenende eine eigene Spielerstadt bei Barcelona an.

Dass hochverschuldete spanische Regionalregierungen ihre Rettung bei Zockern suchen, hat einen Beigeschmack. Es sind die Regionalregierungen gewesen, die mit milliardenschweren Prestigeprojekten und der ungezügelten Förderung des spekulativen Baubooms in hohem Maße Mitschuld an der Finanz- und Schuldenkrise tragen. Die in diesen Spekulationsboom eingespannten regionalen Sparkassen müssen deshalb mit Milliardenhilfen aus Europa gerettet werden.

Jetzt sollen Spielbanken die Rettung bringen. Bei Madrid möchte Adelsons Kasino-Konzern Las Vegas Sands zwölf riesige und luxuriöse Hotel-Anlagen mit insgesamt 36 000 Zimmern bauen. Sechs Spielkasinos mit mehr als 1000 Glücksspieltischen und 18 000 Spielautomaten sollen die Besucher bei Laune halten. Hinzu kommt eine Veranstaltungshalle für 15 000 Menschen, Theatersäle, Kinos, Golfplätze. Eine Vergnügungsstadt, deren Restaurants, Bars, Clubs und Diskotheken zudem 50 000 Besucher aufnehmen sollen. Doch Eurovegas, das nach den hochfliegenden Plänen schon im Jahr 2016 eröffnet werden könnte, weckt auch Zweifel. Der Glücksspiel-Unternehmer Adelson, der bereits in Las Vegas und Asien aktiv ist, pokert hart. Er verhandelt über jede Menge Ausnahmebedingungen. Obwohl die Gespräche geheim sind, berichten Spaniens Medien über Einzelheiten. Demnach geht es um Vorteile bei Steuern und Sozialabgaben in der Glücksspielstadt, ein laxeres Arbeitsrecht, Lockerung der Geldwäschekontrolle und des spanischen Rauchverbots.

Derartige Sonderwünsche kommen nicht gut an bei der spanischen Bevölkerung, die derzeit den Gürtel immer enger schnallen und sich viele Konsumwünsche verkneifen muss. Angesichts der hohen Staatsschulden mussten die Bürger bereits Steuererhöhungen, Kürzungen sozialer Leistungen und Gehaltsverluste hinnehmen. Auch Spaniens lahmende Wirtschaft, die derzeit eine schlimme Krise durchmacht und eine Pleitewelle verkraften muss, fordert Gleichbehandlung. Aber die Hoffnung auf das große Geld hat anscheinend die Madrider Regionalregierung, welche dem Kasino-Milliardär weit entgegenkommen will, angesteckt und alle Bedenken vom Tisch gefegt. Das geplante Glücksspielparadies sei „eine sehr wichtige Investition in Zeiten der Krise“, erklärte Esperanza Aguirre, die konservative Ministerpräsidentin der Hauptstadtregion mit „großer Befriedigung“.

Die sozialdemokratische Opposition warnt, dass die Glücksspielgeschäfte einen „schlechten Ruf“ haben, Kriminalität und Prostitution anziehen werden und mit Eurovegas ein „Finanzparadies“ und „das größte Bordell Europas“ geschaffen werden soll. Die Bürgerinitiative „Eurovegas no“ rüstet sich für den Kampf gegen das umstrittene Projekt, weil es nicht nur Korruption und Bausünden die Tür öffne, sondern Spanien in ein Land „der Kellner und Prostituierten“ verwandeln werde. Ralph Schulze

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