Eurovision Song Contest : Scheitern als Chance

Der Eurovision Song Contest und Deutschland – ein Buch zur Geschichte des Wettbewerbs.

von
Nicole
Nicole -Foto: dpa

Wenn Lena Meyer-Landrut am 29. Mai in Oslo beim 55. Eurovision Song Contest ihr Lied „Satellite“ für Deutschland singt, dann tritt die Casting-Entdeckung von TV-Entertainer Stefan Raab gegen einen starken Gegner an: die Macht der Statistik. Deutschland hat 53 Mal am Gesangswettbewerb teilgenommen, bislang aber nur einmal gewonnen, 1982, als Nicole mit ihrer Gitarre für „Ein bisschen Frieden“ warb. Zum Vergleich: Irland siegte sieben Mal, Frankreich, Luxemburg und Großbritannien fünf, Schweden und die Niederlande vier Mal. Der Schlagerexperte Jan Feddersen spricht vom „ewigen deutschen Scheitern“ und konstatiert: „Grand Prix, das war unberechenbare Samstagabendunterhaltung, die Millionen guckten und an deren Ende ,Germany’ oder ,Allemagne’ niemals gewann.“

Grand Prix Eurovision de la Chanson, so lautete der pompöse Titel des Wettstreits, als die Sänger noch Frack und Smoking trugen und die Sängerinnen in Galaroben auftraten. Der „Taz“-Redakteur Feddersen hat jetzt das ultimative Eurovision-Song-Contest-Buch veröffentlicht, dessen Titel „Wunder gibt es immer wieder“ (Aufbau Verlag, 286 S., 14,95 Euro) einen Klassiker von Katja Ebstein (Platz drei beim Grand Prix 1970) zitiert. Der Refrain könnte Lena Meyer-Landrut Mut machen, denn Wunder geschehen tatsächlich. So hatte Finnland jahrzehntelang erfolglos am Contest teilgenommen, bis im Jahr 2006 ausgerechnet die Metalband Lordi gewann, deren martialische Kostümierung gleichzeitig an Halloween und Kindergeburtstag erinnerte.

Als Deutschland 1962 mit „Zwei kleine Italiener“ von Conny Froboess durchfiel, wurde moniert, Deutschland habe keine wohlgesinnten Nachbarn, von denen Punkte zu erwarten seien. Der Hessische Rundfunk beschwerte sich bei den Initiatoren von der European Broadcasting Union, dass immer nur französischsprachige Länder oder die Niederlande gewännen. Aus dieser Märtyrerposition half Deutschland ein Mann heraus, der laut Feddersen „das Genre des Konzeptauftritts beim Song Contest begründete“: Ralph Siegel. Der Münchner Musikproduzent, der den Wettbewerb seit 1972 mit Kompositionen belieferte, erkannte, worauf es ankam: auf Anhieb aufzufallen. Er steckte 1979 die Gruppe Dschinghis Khan nach dem Vorbild der amerikanischen Schwulentruppe Village People in schrille Outfits, verpasste ihnen eine auffällige Choreografie sowie den stampfenden Discotitel „Dschinghis Khan“ und wurde dafür mit einem vierten Platz belohnt. Auch der Sieg von Nicole Hohloch im Jahr 1982 war Siegels kunstvoller Inszenierung zu verdanken – der Auftritt der damaligen Schülerin strahlte schließlich die nötige Naivität aus.

Gesungen werden muss beim Song Contest live, entscheidend aber ist oft die Show. Lang ist die Liste der Peinlichkeiten und Pannen. Als Joy Fleming 1975 „Ein Lied kann eine Brücke sein“ röhrte, hatte der Hessische Rundfunk sie gezwungen, ein wallendes grünes Kleid zu tragen. Die Strafe: Platz 17.

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