Welt : Experten stehen vor einem Rätsel: Wie entstand die gigantische Druckwelle?

Thomas Roser

Noch ist unklar, ob die Katastrophe tatsächlich wie zunächst vermutet als kleiner Brand in einem Schuppen auf dem Firmengelände entstand. Niederländische Brandschutzexperten betonten, dass bei normaler Einhaltung der Sicherheitsvorschriften ein Feuer von dort kaum auf die Lagerbunker der Feuerwerkskörper habe übergreifen können: Entweder sei darum wahrscheinlich menschliches Versagen oder aber bewusste Brandstiftung oder Sabotage Ursache für das Unglück. Eine Sprecherin der Stadt beteuerte am Sonntag, dass die Firma bisher stets alle nationalen Sicherheitsauflagen erfüllt habe. Ob die niederländischen Sicherheitsbedingungen dem deutschen Standard entsprechen, vermochte sie nicht zu sagen: "Aber Sie können davon ausgehen, dass wir stets alles gründlich kontrollieren ließen."

Die Explosion der Lagerhalle sei in seinen Auswirkungen mit einem "großen Raketeneinschlag" zu vergleichen, erläutert Cees van Beek, Sicherheitsexperte der Niederländischen Vereinigung für Katastrophenschutz (NVVK) in Utrecht: "Der Effekt ist derselbe wie bei einem Bombardement. Durch die Detonation entsteht eine Druckwelle, die sich blitzartig kreisförmig ausdehnt im weitem Umkreis Verwüstungen anrichtet."

Die Firma S.E. Fireworks in der Enscheder Tollenstraat galt bisher als einer der renommiertesten in der niederländischen Feuerwerkbranche. Bereits seit einem halben Jahrhundert liefert das Unternehmen schlüsselfertige Großfeuerwerke auf Bestellung an Gemeinden, Vereine, Konzertveranstalter oder Unternehmen. S.E.Fireworks hat in den letzten Jahren große Feuerwerke unter anderem nach Konzerten der Popstars Pink Flloyd, Prince und Lee Towers zusammengestellt und in Rotterdam oder Amsterdam abgebrannt. Die Feuerwerksbestandteile werden von einem Tochterunternehmen in China gefertigt.

Nach Angaben des Experten gibt es in den Niederlanden etwa 20 Niederlassungen von Feuerwerksunternehmen. Die meisten seien am Rand von Siedlungen in Industriegebieten gelegen. An einigen Plätzen lagerten erheblich größere Mengen an Sprengstoff als in Enschede.

S.E. Fireworks verfüge über alle notwendigen ministeriellen Genehmigungen für die Verarbeitung, Transport und Lagerung von Sprengstoffen, betont das Unternehmen auf seiner Website: "Am eigenen Feuerwerk verbrennt man sich nicht gerne." Seit 1976 durfte die Firma 100 Tonnen Sprengstoff in der Halle einlagern, deren Brand nun die Explosionskatastrophe von Enschede ausgelöst hatte. Wegen der stets dichter gewordenen Bebauung des Gebiets war in einigen Jahren bereits die Verlagerung des Depots in einen Firmenpark am Rande der Stadt geplant. Nicht nur Anwohner, sondern auch viele Stadträte von Enschede waren bis zum Samstag jedoch völlig ahnunglos, welch hochexplosiven Stoffe bisher mitten in einem Wohngebiet der Innenstadt gelagert wurden. Die Erteilung derartiger Genehmigungen sei in der Regel nicht Sache des Gemeinderats, sondern die fachkundiger Experten in der Verwaltung, erklärt Marijke van Hees, die aus Endschede stammende Parteichefin der sozialdemokratischen PvdA und Gemeinderätin ihrer Heimatstadt. Am Unglückstag selbst wurde auf dem Firmengelände nicht gearbeitet.

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