Explosion : Comeback der Angst

Nach einer gewaltigen Explosion in Manhattan dachten alle sofort an Terror. Rauch und Staubwolken füllten die Straßen. Eine Frau starb, mehr als 30 Menschen wurden verletzt.

Christoph von Marschall[Washington]
New York
Eine Fontäne schmutzigen Dampfes steigt in der Lexington Avenue in die Luft. -Foto: AFP

New YorkOh Gott, der nächste Terroranschlag! Das war der erste Gedanke, als sich am Mittwoch um 18 Uhr mitten in New York nach einer schweren Explosion die Erde auftat, eine Fontäne schmutzig-grauen Dampfs in die Luft stieg und Asphaltstücke sowie rostige Metallsplitter in die Umgebung katapultierte. Eine Frau starb, vermutlich an Herzversagen, mehr als 30 Menschen wurden verletzt, vier sind in kritischem Zustand. Ursache war ein 83 Jahre altes, geplatztes Dampfrohr, beruhigte Bürgermeister Michael Bloomberg schon nach kurzer Zeit. "Wir haben keinen Grund zu der Annahme, dass etwas anderes dahinter steckt als das Versagen der Infrastruktur unserer Stadt."

Es war die Zeit des abendlichen Berufsverkehrs nahe der belebten Kreuzung Lexington Avenue, 41. Straße. Gleich um die Ecke liegt das Grand Central Terminal, der Bahnhof für Hunderttausende Pendler ziemlich in der Mitte zwischen Broadway und East River in Midtown Manhattan. Die Bilder glichen denen vom 11. September 2001, als zwei Flugzeuge in das World Trade Center rasten und es zum Einsturz brachten. Rauch und Staubwolken füllten die Straßen. Panikartig suchten die Passanten Schutz, rannten, als ginge es um ihr Leben. Einige verloren ihre Schuhe, andere ließen ihre Aktentaschen fallen. Die Besucher eines Fitnessclubs hoch oben in einem angrenzenden Hotel sagten, die Erschütterung sei so stark gewesen, dass sie den Einsturz des Gebäudes befürchteten. Angestellte in einem Büroturm berichteten, Asphaltbrocken seien gegen ihre Fenster im siebten Stock geschlagen. "Wie bei einem Viehtrieb" seien alle die Treppenhäuser hinab ins Freie gestürzt.

Eine Fontäne schmutzigen Dampfes sei in die Luft geschossen, sagten Augenzeugen, angeblich rund 300 Meter hoch – was etwa der Höhe des nahen Chrysler Building entspricht. Dazu habe es so ohrenbetäubend gekracht, geröhrt und gerauscht wie an den Niagarafällen. Flammen züngelten aus dem etwa zwölf mal 15 Meter großen Loch wie aus einem Vulkankrater mit schlammbedeckten Rändern. Die Wucht hatte einen Abschleppwagen in die Luft geschleudert und in das Loch stürzen lassen. Das geplatzte Rohr war noch am Morgen überprüft worden. Es stammt aus dem Jahr 1924 und hat einen Durchmesser von etwa einem halben Meter. Die Behörden vermuten, dass in den Schacht eingedrungenes kaltes Regenwasser von einem langen schweren Guss am Morgen die Explosion auslöste. Die Abkühlung könne Teile des Dampfs im Rohr zum Kondensieren bringen. Die komplizierten Druck- und Volumenverhältnisse ließen das Rohr dann platzen.

Gigantisches Netz veralterter Dampfrohre

Viele Gebäude in New York werden über ein gigantisches Netz von Dampfrohren mit Energie für Heizung und Kühlung versorgt, darunter auch das Empire State Building. In den letzten 20 Jahren sind mehr als ein Dutzend dieser teils überalterten Rohre geplatzt. Bei einer Explosion 1989 im Stadtteil Gramercy Park starben drei Menschen.

Die nächste Sorge galt giftigen Dämpfen und Asbestgefahr. Nach 9/11 hatten viele Menschen über Spätfolgen geklagt. Anwohner des Explosionsorts wurden aufgefordert, sich sorgfältig zu duschen und Kleidung, die mit dem Rauch in Berührung gekommen sei, zu entsorgen. Zum Feuerschutz waren die Rohre in den 20er Jahren in Asbest eingehüllt worden: ein Stoff, der seit Jahren als krebserregend gilt. Am Donnerstag gaben die Behörden Entwarnung, es seien keine gefährlichen Konzentrationen in der Luft gemessen worden, nur im Krater selbst.

Viele Nachbargebäude erlebten einen Stromausfall. Die Explosion unterbrach 13.000-Volt-Starkstromkabel im Untergrund, berichtete der Energieversorger Con Edison. Der U-Bahn-Verkehr war kaum beeinträchtigt. Die Linie entlang der Lexington Avenue fuhr weiter, hielt nur nicht an der 42. Straße. Mehr als 250 Feuerwehrleute und 300 Polizisten wurden zur Unglücksstelle entsandt. Auch die Notrufzentrale behandelte die Explosion "wie eine mächtige Katastrophe".

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