Welt : Explosion in chinesischer Schule: Das neue China zwingt Kinder zur Arbeit

Harald Maass

Von dem zweistöckigen Schulgebäude ist nur noch der hintere Teil übrig. Mit Spitzhacken und Stöcken wühlen sich Soldaten durch den Schutt aus Ziegelsteinen, Holzbalken und Geröll. Die wenigen Mauern, die noch stehen, sehen wie ein großes Puppenhaus aus. Innen sieht man noch ein paar Tische, eine Wandtafel, Schulbücher liegen auf dem Boden. Die Leichen von 41 Kindern, die meisten zwischen zehn und zwölf Jahren alt, und ein toter Lehrer wurden bisher aus den Trümmern geborgen. Eine Explosion, berichten Anwohner, hat die Schule in die Luft gesprengt. Um Geld zu verdienen, mussten die Kinder während der Schulzeit Feuerwerkskörper produzieren.

Fanglin heißt das Dorf im Landkreis Wanzai in Ostchina, in dem sich das Unglück am Dienstagmorgen ereignete. Die Gegend in der Provinz Jiangxi ist seit der Zeit der Ming-Kaiser bekannt für ihre Feuerwerkskörper, bis heute verdienen die meisten Familien ihr Auskommen mit der Produktion von Böllern und Raketen. Die Zündschnüre werden von Hand in die Kracher eingeschoben, oft in Heimarbeit. "Überall in den Häusern liegen hier Feuerwerkskörper, das ist normal", sagt der Leiter einer der hundert örtlichen Feuerwerksfabriken. Zwischen fünf und sieben Yuan (1,30 - 1,80 Mark) zahlt die Fabrik für 10 000 Zündschnüre. "So viel schafft ein Mann an einem Tag", sagt er.

In Fanglin arbeiteten jedoch nicht nur die Männer und Frauen. Einen Großteil der Feuerwerkskörper produzieren Kinder, manche gerade zehn Jahre alt. "Die kleinen Hände sind geschickter bei der Arbeit", erklärt der Fabrikleiter, der seinen Namen nicht nennt. Offiziell gebe es zwar ein Arbeitsverbot für Kinder unter 16. Doch daran halte sich niemand. "Die Familien wollen halt Geld verdienen", erklärt er.

Offiziell ist die Ursache für den Einsturz der Schule noch ungeklärt. Die lokalen Behörden haben eine Informationssperre über den Hergang des Unglücks, bei dem vier Klassenzimmer völlig in sich zusammenfielen, verhängt. 300 Schüler und Erwachsene sollen zum Zeitpunkt der Katastrophe in dem Haus gewesen sein. Mehr als 40 Verletzte wurden gezählt, viele mit schweren Hautverbrennungen und Knochenbrüchen. "Von den Verletzungen kann man nicht auf die Ursache des Unglücks schließen", sagt ein leitender Arzt im Bezirkskrankenhaus Tanbu, wo ein Teil der Opfer versorgt wird. Zwei Jungen und ein Mädchen seien in der Nacht an ihren Verletzungen gestorben. "Wie es in den anderen Krankenhäusern aussieht, weiß ich nicht", sagt der Arzt.

Der Schuldirektor sei geflüchtet, berichten am Mittwochabend Anwohner in Fanglin. Zu dem Zeitpunkt hat sich der schreckliche Verdacht schon erhärtet, den Chinas Staatsmedien weiter verschweigen. Die Schule selbst hatte die Kinder von Fanglin zu der riskanten Arbeit mit den Explosionskörpern gezwungen. Weil die Schule von der Gemeinde zu wenig Geld bekam und die Lehrer monatelang kein Gehalt gesehen hatten, verlangten sie von den Kindern den Arbeitseinssatz als "Schulgeld". 1998 habe die lokale Feuerwerksfabrik der Gemeinde Wanzai ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Schule gestartet, berichtet die südchinesische Zeitung "Nanfang Zhoumo" auf ihrer Webseite. Der erste Stock der Schule war die Fabrikhalle, im zweiten fand der Unterricht statt. "Die Explosion wurde ausgelöst, als die Schüler der dritten Klasse der Fanglin-Grundschule Knallkörper produzierten", berichtet die Zeitung nüchtern. Was mag die Katastrophe ausgelöst haben? Die Asche einer Zigarette, ein Funke?

Fanglin ist überall in China, und vielleicht ist dies die eigentliche Tragödie. Seit der wirtschaftlichen Öffnung müssen immer mehr chinesische Kinder wieder arbeiten. 13,3 Millionen Jungen und Mädchen im Alter von zehn bis 14 Jahren arbeiten nach Schätzungen internationaler Gewerkschaftsorganisationen in China wieder für ihren Lebensunterhalt. Gesetzliche Verbote werden aus Habgier ignoriert oder aus Not verdrängt. Auf dem Land können sich viele Bauern das Schuldgeld nicht leisten, und schicken ihre Kinder deshalb zur Arbeit auf die Felder. In Fabriken im südlichen Guangzhou kleben 13-Jährige im Akkord US-Sportschuhe zusammen. In Peking putzen Zehnjährige nachts Autos, um sich eine warme Mahlzeit leisten zu können. Die Kinderbetriebe sind illegal, häufig verdienen korrupte Beamte mit. Niemand kontrolliert, ob die Arbeit ungesund oder gefährlich ist. Für die Kinder von Fanglin war der Alltag das Unglück. Es endete in einer Katastrophe.

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