Welt : Explosionen auf dem Schiff war wohl nicht die Ursache der Katastrophe

Hamburg/Stockholm (rtr). Explosionen auf der 1994 gesunkenen Ostsee-Fähre "Estonia" haben das Unglück nach Expertenansicht möglicherweise beschleunigt, es aber mit Sicherheit nicht verursacht. Eine mit der Untersuchung beauftragte Gruppe deutscher Sicherheitsexperten erklärte am Mittwoch im Hamburg, Hauptursache der Katastrophe sei der schlechte Zustand des Visiers und der Bugrampe der Fähre sowie deren überhöhte Geschwindigkeit gewesen. Außerdem seien die Autodecks falsch beladen gewesen. Bei dem Unglück waren Ende September 1994 mehr als 900 Menschen umgekommen.

Die Experten um den Hamburger Rechtsanwalt Peter Holtappels teilten weiter mit, bereits 1997 sei darauf hingewiesen worden, dass sich an Bord der Estonia Explosionen ereignet hätten. Die Expertengruppe war von der Papenburger Meyer-Werft mit der Untersuchung der Unglücksursachen beauftragt worden. Die Werft hat die "Estonia" vor über 20 Jahren gebaut. Die Meyer-Werft erklärte ihrerseits, sie haben keine neuen Erkenntnisse über die Unglücksursachen. Schwedische Zeitungen zitierten Holtappels am Mittwoch mit dem Vorwurf, die schwedische Havariebehörde halte Informationen über das Unglück zurück. "Sie haben die ganze Zeit von der Explosion gewusst, aber die Information zurück gehalten", schrieb die Zeitung Svenska Dagbladet. Holtappels war am Mittwoch in Hamburg telefonisch nicht zu erreichen.

Die mit der Untersuchung des Unglücks in Schweden befasste Havariebehörde erklärte, es gebe keinen Anhaltspunkt für eine "deutsche Explosionstheorie". "Bei unseren Untersuchungen sind keine Sprengstoffrückstände oder Anzeichen für einen Angriffs festgestellt worden", sagte Behördenleiterin Ann-Louise Eksborg. "Warum sollten wir das zurückhalten", wurde Eksborg von der Zeitung weiter zitiert.

In einer von Holtappels verbreiteten Mitteilung hieß es, mehrere möglicherweise im Vorschiffbereich der Estonia erfolgte Explosionen hätten vielleicht das Sinken der Fähre beschleunigt, es aber mit Sicherheit nicht verursacht. Das Schiff sei nicht seetüchtig gewesen. Zudem hätten der extrem schlechte Zustand des Visiers und der Bugrampe einschließlich der Scharniere und Verriegelungen den Untergang verursacht.

Die Estonia war am 28. September 1994 auf der Strecke von Tallinn nach Stockholm gesunken, weil die Bugklappe bei stürmischer See abriss. Wasser überflutete das Autodeck und ließ das Schiff binnen Minuten sinken. Nur 137 Menschen überlebten die Katastrophe, 94 Leichen konnten geborgen werden. Nach dem Unglück war über die Sicherheit der sogenannten roll-on roll-off Fähren, auf die Autos und Lastwagen am einen Ende hereinfahren und an ihrem Ziel am anderen Ende wieder herausrollen können, heftig diskutiert worden. Die schwedische Regierung hatte Ende 1994 beschlossen, die gesunkene Fähre nicht zu bergen.

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