• Explosionsgefahr auf Gas-Plattform: Oettinger hält Lage auf leckgeschlagener Bohrinsel für beherrschbar
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Explosionsgefahr auf Gas-Plattform : Oettinger hält Lage auf leckgeschlagener Bohrinsel für beherrschbar

Das Leck an der Gas-Bohrplattform in der Nordsee ist noch längst nicht geschlossen. Die Folgen für Mensch und Umwelt sind schwer abzuschätzen. EU-Energiekommissar Oettinger versucht zu beruhigen, alle Beteiligten seien „absolut erfahren“.

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Mittlerweile hat man das Leck gefunden, aus dem Gas austritt. Doch bis das Loch gestopft ist, wird es noch eine Weile dauern.Weitere Bilder anzeigen
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28.03.2012 09:32Mittlerweile hat man das Leck gefunden, aus dem Gas austritt. Doch bis das Loch gestopft ist, wird es noch eine Weile dauern.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger hält die Lage auf der leckgeschlagenen Förderplattform in der Nordsee derzeit für beherrschbar. Gleichzeitig warnte er vor einer Entzündung des Gases.„Wir müssen das Bohrloch stopfen und erreichen, dass es nicht zu einer größeren Explosion kommt“, sagte Oettinger am Donnerstag im Deutschlandfunk. Derzeit entweiche das Gas unkontrolliert.
Gefährlich werde es, wenn sich das Wetter ändere.

Alle Partner seien aber „absolut erfahren“ in der Bearbeitung dieser Risiken. Oettinger sprach sich für gemeinsame EU-Sicherheitsstandards aus. Es gebe schon einen entsprechenden Vorschlag im Europäischen Parlament und Rat.

An der havarierten Gasplattform in der Nordsee haben sich für den Fall einer Explosion zwei Lösch-Schiffe in Position gebracht. Sie befänden sich in einem Sicherheitsabstand von 3,7 Kilometern von der Plattform entfernt, sagte ein Sprecher des französischen Energiekonzerns Total am Mittwochabend. Insgesamt seien damit nun vier Schiffe im Notfall „bereit, einzugreifen“. Eines der Schiffe ist mit einem Unterwasser-Roboter ausgestattet, der mit einer Kamera das Leck an der Plattform untersuchen soll. Noch steht aber nicht fest, wann er zum Einsatz kommen soll.

Erinnerungen an die Katastrophe im Golf von Mexiko werden wach. Vor zwei Jahren sank dort die Bohrplattform „Deepwater Horizon“, knapp 800 Millionen Liter Öl strömten ins Wasser. Nun gibt es ein Gasleck an einer Förderplattform in der Nordsee. Die bisher ausgetretene Menge ist zwar verhältnismäßig gering und damit mögliche Folgen für die Umwelt. Doch der Gasstrom ist noch nicht gestoppt und es besteht Explosionsgefahr.

Am Sonntag war auf der Plattform „Elgin“, 240 Kilometer östlich von Aberdeen, der Gasaustritt bemerkt worden. Der Betreiber Total hat daraufhin alle 238 Arbeiter in Sicherheit gebracht. Um die Plattform besteht eine Sperrzone für Flugzeuge und Schiffe, so dass es schwer ist, die Entwicklung zu verfolgen. Total habe das Überwachungsschiff „Highland Fortress“ in Stellung gebracht, sagte ein Sprecher am Mittwoch. Es verfüge über ein ferngesteuertes Mini-U-Boot, mit dem Unterwasseraufnahmen gemacht werden können. Die Technik sei aber bisher nicht zum Einsatz gekommen. Total zufolge entwichen bislang etwa 20 Tonnen Gas.
Die Bohrung hat seit einem Jahr nicht mehr gefördert und sollte jetzt dauerhaft verschlossen werden. Bei Arbeiten am Bohrloch sei es zur Leckage gekommen, teilte Total mit. Unklar ist weiterhin, an welcher Stelle das Rohr undicht ist: im Nordseeboden, der dort 90 Meter unter dem Wasserspiegel liegt, im Meer oder auf der Plattform selbst.


„Solange Gas ausströmt, besteht Explosionsgefahr“, sagt Kurt Reinicke vom Institut für Erdöl- und Erdgastechnik der TU Clausthal. Auf der Spitze der Plattform brannte am Mittwoch die typische Fackel, an der überschüssiges Gas aus dem Produktionsbereich abgefackelt wird. Die Hoffnung, dass die Flamme von allein erlischt, erfüllte sich nicht. Nun könnte sie das unkontrolliert entweichende Gas entzünden. „Zum Glück gab es bisher starken Wind, der das Gas fortweht“, sagt Reinicke. Sollte es zur Explosion kommen, drohten schlimmste Verwüstungen. „Man muss sich nur die Bilder von ,Piper Alpha’ ansehen“, sagt er und erinnert an die gleichnamige Plattform, die 1988 in Flammen aufging und sank. Damals starben 167 Menschen.

Total zufolge wird nun überlegt, wie die Flamme gelöscht werden kann. David Hainsworth, der bei dem Unternehmen für Sicherheit zuständig ist, sagte der BBC, dass sich niemand der Plattform nähern dürfe solange die Fackel brennt.

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Der Vorfall weckt Erinnerungen an die Havarie der "Deepwater Horizon":

Die Ölpest im Golf von Mexiko
20. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon" explodiert, elf Arbeiter sterben.Weitere Bilder anzeigen
1 von 77Foto: dpa
19.04.2011 13:0120. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon"...

Für die Zukunft gebe es zwei Szenarien, erläutert Reinicke: Entweder lässt der Gasstrom bald von allein nach – oder er hält über Wochen oder gar Monate an. In diesem Fall werde man sicher versuchen, das Loch zu verschließen. Doch mit welcher Methode? „Man kann wie damals im Golf von Mexiko eine Entlastungsbohrung ansetzen, über die das Gas aufgefangen wird und die havarierte Bohrung verschließen.“ Das sei sicher, dauere aber lange. Das Gegenteil, schnell und riskant, ist eine gezielte Sprengung, um die Bohrung zu verschließen.

Bei all diesen Optionen ist zu beachten, dass ständig Explosionsgefahr besteht und das Gas giftige Verbindungen enthält. „Unsere Leute sollten jedenfalls nicht zurück auf die Plattform, um das Leck zu stopfen“, heißt es bei der Gewerkschaft der Ölarbeiter RMT in Aberdeen. „Das sollten die Experten machen, die Total derzeit aus aller Welt einfliegt.“

Tatsächlich strömen Berichten zufolge nicht nur gasförmige Kohlenwasserstoffe aus, die an den Hausanschlüssen der Konsumenten erwünscht sind. Aus der Lagerstätte in 5000 Metern Tiefe, wo es fast 200 Grad Celsius heiß ist, kommen auch Gasbestandteile, die beim Abkühlen an der Oberfläche zu Leichtöl kondensieren und damit einen kleinen Ölteppich bilden. Weiterhin enthalten ist Schwefelwasserstoff, der in höheren Konzentrationen giftig ist. „Er lagert sich an das Hämoglobin und ist damit für alle Lebewesen mit Blutkreislauf gefährlich“, sagt Antje Boetius vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen.

Der Schwefelwasserstoff und die Öl- und Gasbestandteile bergen noch eine weitere Gefahr. Sie werden von speziellen Bakterien „gefressen“, die dabei viel Sauerstoff verbrauchen. Der Umweltverband WWF fürchtet daher, dass in der Umgebung des Bohrlochs „Todeszonen“ entstehen.

Soweit würde Boetius nicht gehen: „Die Nordsee wird durch Wind und Gezeiten gut durchmischt, dadurch werden die gefährlichen Verbindungen rasch verdünnt und sauerstoffreiches Wasser nachgeliefert.“ Es dürfte höchstens lokale Schäden geben. Auf Fisch aus der Nordsee müsse man jedenfalls nicht verzichten. Dessen Qualität würde allenfalls durch Öl geschädigt. „Doch davon ist bisher nur sehr wenig ausgetreten.“ (mit dpa/dapd/kph)

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