Welt : Expo 2000: Bis zu viereinhalb Stunden warten

Klaus Wallbaum

Schon wieder schlechte Nachrichten von der Expo: Zuerst waren zu wenige Besucher nach Hannover gekommen, so dass die Umsatz-Prognosen der Veranstalter nicht aufgegangen sind. Und nun kommen zu viele. Denn überall bilden sich lange Warteschlangen, selbst vor jenen Pavillons, die bisher beim Publikum nicht beliebt waren. Es ist inzwischen jeden Morgen das gleiche Bild vor den Eingängen: lange Schlangen von Besuchern, die die Nationenschau mit ihren Themenparks und Länderpavillons noch sehen wollen. Dabei fragt sich so mancher von ihnen: "Wo und wofür stehe ich hier eigentlich an?"

So mischt sich die Schlange vor dem nepalesischen Pavillon mit der Menschenmenge vor der Seilbahn-Station, weil die mit Gurtbändern eingegrenzten Bereiche die Besucher schon lange nicht mehr fassen. Und dann kommen noch die Besucher, die nicht warten, aber die Schlange durchkreuzen. Doch das stört die Gäste offenbar weniger als man meinen könnte. Sie nehmen es gelassen hin, stellen sich geduldig in die Reihe und harren bis zu viereinhalb Stunden lang aus - diese Zeit muss man zumindest beim wohl begehrtesten Ausstellungsobjekt einplanen, dem "Planet of Visions". Zeitweise wurde von den Veranstaltern überlegt, ob man Wartenummern mit festen Eintrittskarten vergibt, so dass sich die Besucher in der Zwischenzeit noch woanders umschauen können. Doch das würde wohl eine gründliche Kontrolle der Einlasskarten erfordern - und dafür fehlt das Personal. Im Tagesschnitt kommen nun etwa 200 000 Besucher. Etwa doppelt so viele wären es gewesen, wenn die von den Veranstaltern zum Expo-Start prognostizierten Zahlen Wirklichkeit geworden wären.

Verlässliche Erklärungen dafür, warum die Menschen plötzlich auf das Messegelände strömen und die stundenlange Warterei vor den Highlights hinnehmen, gibt es nicht. Doch an der Länge der Warteschlangen lässt sich zumindest ablesen, welche Pavillons nun besonders verlockend sind.

Der Besucheransturm zum Ende der Weltausstellung wird nicht helfen, die Finanzprobleme der Expo zu lindern. Von einem Defizit in Höhe von 2,4 Milliarden Mark gehen die Veranstalter seit Ende Juli aus. Wenn die Expo ihr Inventar verkauft, könnten wohl 30 Millionen Mark eingenommen werden. An der gigantischen Größe des Defizits wird sich auch dadurch nur wenig ändern. Selbst wenn sich die Nachfrage nach Eintrittskarten bis zum Toresschluss Ende Oktober noch einmal zusätzlich steigern sollte, allen Warteschlangen, der Kühle und möglichen Regenwolken zum Trotz, die verbleibende Zeit bis zum Weltausstellungsende ist zu kurz, als dass die Gesamtzahl der Gäste noch einmal deutlich nach oben schnellen könnte.

Bei den mehr als 10 000 "Exponauten" - den Menschen also, die von Beginn an fast jeden Tag in Pavillons, Restaurants oder als Betreuer gearbeitet haben - macht sich Wehmut breit. Die Gesprächsthemen sind andere geworden im Laufe der Expo-Monate. Die Menschen aus allen Teilen der Welt fragen sich untereinander kaum noch: "Woher kommst du? Wie gefällt es dir hier?" Immer öfter heißt es jetzt: "Was machst du nach der Expo?" Und wenn sie sich jetzt nach einem Milchkaffee verabschieden, hört man immer öfter: "Wir sehen uns doch noch mal, oder?"

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