• Expo 2000: Der deutsche Pavillon ist das erste, größte und teuerste Haus am Platze

Welt : Expo 2000: Der deutsche Pavillon ist das erste, größte und teuerste Haus am Platze

Jan Schulz-Ojala

Deutschland hat den größten. Den höchsten (15 Meter), den breitesten (90 Meter) und den längsten (130 Meter) sowieso. Deutschland präsentiert sich auf 24 000 Quadratmetern - braucht also mehr als doppelt so viel Platz wie die Franzosen, dreimal so viel wie die Kanadier, sechsmal soviel wie die Schweizer, die Spanier, die Briten und die Schweden, zehnmal so viel wie die Chinesen, die Australier, die Iren und die Finnen ... vom 162 Länder umfassenden Rest der Expo-Welt ganz zu schweigen. Der deutsche Pavillon: ein Palast. Ein Palast der Republik. Ein Kasten, dessen Architektur signalisiert: Deutschland hat nicht nur einen Platz an der Straße der Besten. Es hat dort von allem und allen nur das Allerbeste.

Oder nur die beste Lage? Auch sie hat der deutsche Pavillon sich gesichert. Heimvorteil total: An der Expo-Plaza im ist man erstes Haus am Platze. Die Stadtbahn bringt die Kundschaft zum nahen Ost-Eingang, und die Expo-Seilbahn hält in unmittelbarer Nähe. Auch wer zu den 30 anderen Pavillons strebt, kommt an Deutschland nicht vorbei. Deutschland klotzt. Deutschland nimmt die Parade ab. Deutschland liegt zentral, oben, vorn. Anders gesagt: Will man den deutschen Pavillon verfehlen, muss man dafür schon gute Gründe haben.

Die bietet diese Visitenkarte Deutschlands leider in Hülle und Fülle. Blickt man nur auf das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag, dann grenzt die deutsche Selbstdarstellung (immerhin auf der ersten überhaupt in Deutschland stattfindenden Weltausstellung!) an eine Katastrophe. Erdrückend viel Geld - 262 Millionen Mark, davon vier Fünftel vom Staat, der Rest von der Industrie - ist in ein Projekt geflossen, das geradezu erschütternd wenig Fantasie entfaltet. Viel Renommiergehabe und wenig Substanz, offenbar eilig zusammengeschustert in einem nachweislich eilig hochgezogenen Bau.

Gemischtwarenladen

Deutschland zeigt: eine Sammlung von Gipsköpfen, deren einziger gemeinsamer Bezug die deutsche Herkunft ist. Deutschland zeigt: ein Sechs-Minuten-Filmchen, raum- und projektionstechnisch zum Mega-Event aufgerüstet. Deutschland zeigt: Souvenirs aus den Bundesländern, mal als mediale Großattacke auf drei Dutzend Bildschirmen, mal dreidimensional zueinander positioniert wie Elemente eines riesigen, derangierten Postkartenständers. Kurz: das Angebot eines Gemischtwarenladens auf der Fläche dreier Großkaufhäuser. Was bleibt da von der "ästhetischen Selbstkonzentration des ganzen Landes", von der "Projektionsfläche unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses", die Kulturminister Naumann im Februar beschwor?

Schon die Vorgeschichte verlief misslich. Erst der gescheiterte Wettbewerb um das Gebäude, dann der Ersatz-Entwurf eines Friedrichshafener Industriebau-Unternehmers, der den Deutschen binnen Rekordzeit zumindest ein Dach über dem Kopf verschaffte - fernab aller Fantasie, mit der etwa die Niederländer, die Ungarn und vor allem die Schweizer sich auf der Expo darstellen. Aber taugen bauplanerische Pannen - zumal angesichts zehnjähriger Vorbereitung - als Alibi für den konzeptionellen Offenbarungseid? Josef Wunds Dutzendbau mit konkaver, bei Sonne stark blendender Glasfassade birgt ein gefällig arrangiertes Nichts. Dieses Deutschland, so muss der Besucher schlussfolgern, weiß nichts von sich selbst. Und will auch nichts wissen. Mit dem Expo-Generalthema "Mensch Natur Technik", für das andere Nationen mal ökonomisch-konzentrierte, mal spielerisch-kreative Deutungen gefunden haben, kann es schon gar nichts anfangen.

Der Parcours führt zunächst in die "Ideenwerkstatt Deutschland", ein Panoptikum von 47 großen und kleinen deutschen Köpfen. Sie bilden nicht viel mehr als den Stauraum, in dem sich die Besucher für den nächsten Event, den Kino-Darkroom, sortieren. Deutschland, ein Treppenwitz, Deutschland, ein mal kurioser, mal makabrer Zeitvertreib: Gipskopf Einstein neben Gipskopf Hans Beck, dem Playmobil-Erfinder - warum nicht? Die Widerständlerin Sophie Scholl neben der TV-Kindermaus - warum nicht? Im Rumstehen und Besichtigen der knappen Personen-Infos wird schnell alles eins. Wenn der Raum einen Subtext hat, dann diesen: die Wahrnehmung durch Willkürlichkeit des Angebots einzuebnen - und jene gemeinschaftliche Geistesleere zu befördern, ohne die die folgenden Stationen gleich gar nicht auszuhalten wären.

Immerhin, das Nebeneinander mag noch kulturoptimistischen Charme entfalten - der folgende Film "Deutschland mittendrin", auch er verantwortet von der Stuttgarter Agentur Milla & Partner, ist der erste eindeutige Etikettenschwindel. Nach mindestens sechsminütiger Wartezeit, die man im Halbfinsteren auf zahlreichen Brückenstegen zubringt, erhebt sich auf mehreren guckkastenartig formierten Leinwänden ein wiederum sechsminütiges, handlungsarmes Geschehen. Die Kamera taucht, vom Himmel hoch, an erleuchteten Fenstern in ein Berliner Hinterhoffest hinab, zeigt die sattsam bekannten Trabbi-Glücksmomente einer bald elf Jahre zurückliegenden Novembernacht, schwenkt in einen molekularbiologisch anmutenden Zeichentrickfilm, um erneut himmelwärts lauter leere Fenster in Richtung Weltall zu öffnen. Und Abspann. Und weitergehen. Und: plötzliche Sehnsucht nach dem guten, alten Jahrmarkt-360-Grad-Plastikzeltkino, das auch nichts zu erzählen hatte, aber wenigstens so rasant war wie die Achterbahn.

Im "Medialen Garten", dem letzten und größten Teil der dreigeteilten Halle, bringt Deutschland sich schließlich auf den einzigen Begriff, den es seinen Besuchern anzubieten wagt: den Föderalismus. Keine Frage, der Föderalismus ist eine gute Sache. Er garantiert zum Beispiel 16 regional repräsentative Ausstellungsstücke. So sehen wir: das obligatorische Mauer-Teil (Berlin) und das Felsbröckchen Zugspitze (Bayern), die Lutherkanzel (Sachsen-Anhalt), den VW-Käfer (Niedersachsen) und den Nachbau eines Patent-Benz von 1889 (Baden-Württemberg). Die Leistungsschau der Bundesländer als Rumpelkammer deutschen Edeltrödels: Kumulation statt Konzentration. Nur: Wie setzen sich diese Elemente zum Begriff eines Landes zusammen?

Die Alpen und Rügen

Auch die zahllosen Screens des begleitenden 36-Minuten-Auftragsfilms von Adolf Winkelmann, teils eine in die extreme Horizontale gezogene Leinwand-Parade, teils wie torkelnde Riesenaugen an den Zweigen eines imaginären Baumes befestigt, geben keine Antwort. Jedes Bundesland sei in diesem Film mit drei Motiven vertreten, heißt es - ob jedes Land auch exakt zwei Minuten und fünfzehn Sekunden herausgefeilscht hat? Es ziehen vorbei: die Alpen und Rügen, der Nordostseekanal, Heidelberg, der Thüringer Wald, ein hamburgisches Kaffeelager, die McPomm-Seenplatte und so weiter, 12 000 Mal bis Expo-Ende, wie eifrige Helfer vorauseilend errechnet haben. Ein ewiger Trailer, den dank seiner Ambient-Musik meditativ zu nennen manche sich bemühen - und der doch von jeder Tourismusbörse als sturzlangweilig abgelehnt werden dürfte.

Bleiben die unfreiwilligen Botschaften. Dieses Land ist leblos, sagt Winkelmanns Film. Sagt der ganze Pavillon. Wie hieß noch das Motto: "Mensch Natur Technik"? So fantasiearm wie nur möglich verlassen sich die Deutschen auf die Technik. Auf Bilder, Bilder, Bilder. Deutschland auf der Expo: eine Maschine, die von allein funktioniert. Man wirft sie morgens an und schaltet sie abends ab. Deutschland, ein Kunstherz. Eine Welt aus der Steckdose. Nichts, wo man bleiben möchte. (Allenfalls der Extra-Saal fürs Kulturprogramm lockt mit Kontrasten, aber auf dem alltäglichen Ameisenweg werden die Besucher daran vorbeigeschleust.) Gehen Sie lieber nach Finnland: Die haben einen Wald in ihr Haus gebaut und die Stimmen des Waldes hinein. Oder in die Schweiz: Die hat sich in ein überdimensionales Musik-Instrument verwandelt. Oder besteigen Sie den Natur-Stadt-Turm der Niederlande, der witzig und bedrohlich von der Hyper-Urbanisierung eines kleinen Landes erzählt. Oder besuchen Sie die Japaner: Deren Haus aus Papier ist ein kluges ökologisches Denk-Mal, und perfekt recycelbar.

"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?", so heißt es beziehungsreich zu Beginn des Winkelmann-Films. Gefährlich weitergefragt: Wer ist der schönste Pavillon auf der Expo? Deutschland glänzt allein durch Eitelkeit. Weltausstellungen seien "nicht einfache Basare, sondern leuchtende Manifestationen der Kraft und der Genies der Völker", hat der französische Kaiser Napoleon III. einmal gesagt. Deutschland steht auf der Expo in der wohl lächerlichsten Rolle da: in der des Kaisers, der seine neuen Kleider zeigt.

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