Welt : Expo 2000: Der erste Tag - Sind wir schon drin, oder was?

Bernd Matthies

Es kann nicht ausbleiben, dass wir auf dieser kunterbunten Weltausstellung erst einmal über Deutschland nachdenken. Wie sind wir? Wie wollen wir gesehen werden? Doof, aber fröhlich, eine Art globalisierte Version der Wildecker Herzbuben: Das wäre der Eindruck, den die verunglückte Eröffnungsveranstaltung hinterlassen hat. Oder sind wir nette Nachbarn, die auch zu ihren Tränen stehen, sich unbefangen nackt am Fenster zeigen und stolz sind auf Sanssouci, Haithabu und Spacelab: Dann vermittelt die deutsche Präsentation in der großen Glashalle das richtige Bild. Möglicherweise sind wir aber doch eher jene präzisionsbesessenen Tüftler, die sich und andere mit einem undurchdringlichen Verhau modernster Sensortechnik umgeben und demnächst von einem sehenden Innenstadt-Assistenten durch den Verkehr geleitet werden: Für diesen Fall böte sich die Version an, die uns DaimlerChrysler zeigt.

Die Deutschen selbst, die an diesem Eröffnungstag unter den Besuchern die deutliche Mehrheit sind, wissen das alles auch nicht so genau. Deshalb ist es kein Wunder, dass sich die ersten Warteschlangen am Morgen eben vor jenem mutmaßlich Sinn stiftenden Pavillon des Gastgeberlandes bilden. Drinnen verkürzen sich die Leute die Zeit mit intensiven Erforschungen der großen Gipsköpfe, die das deutsche Wesen in seinen Windungen und Wandlungen zeigen sollen.

Die Tücke dreidimensionaler Porträts besteht aber darin, dass sie selten auf Anhieb erkannt werden. Das da mit dem Umhängebart zum Beispiel kann nur Abraham Lincoln sein. Doch der war kein Deutscher, und deshalb handelt es sich um Rupert Neudeck. Harald Juhnke - Mensch, Harald! - stellt sich wiederum als Doppelgänger eines gewissen Gerhardt Behrendt heraus, der sich um Deutschland mit der Entwicklung des Ost-Sandmännchens verdient gemacht hat. Welche Kriterien haben zur Aufnahme in die Kopfgalerie geführt? Sagen wir mal grob, dass wir es hier mit dem guten Deutschen in all seinen Facetten zu tun haben, und die reichen von Steffi Grafs Vorhand bis zur manischen Intensität einer gewissen Irmela Schramm, die jegliche Parolen ausländerfeindlichen Inhalts aus dem Stadtbild tilgt.

Der Mensch als Sülzkotelett



Drinnen dann das Kino. Nein, kein Kino. Sondern eine Multimedia-Installation auf neun Leinwänden, die aller Welt zumindest zeigt, dass die Technik von Bild und Ton bei uns in den besten Händen ist. Wir fahren durch einen Wohnblock voller multikultureller Facetten, zwischendurch kullern die Atome von Wasser- und Sauerstoff durcheinander, dann geht es durch die Lande und den Wohnblock wieder hinauf, bis sich imaginäre Türen ins Weltall öffnen. Perspektiven! Dann, im dritten Teil der Schau, wird das Unterfutter geliefert in vielkanaliger Projektion. Es sieht ein wenig nach Proporz aus - wahrscheinlich hat der Vertreter der Werftenindustrie Mecklenburg-Vorpommerns im Aufsichtsrat auf den Tisch gehauen und mit Rückzug gedroht, falls nicht mindestens fünf Sekunden lang ... Und nun sind die fünf Sekunden auch noch drin. Ein schönes Land, dieses Deutschland.

Aber die anderen Länder sind auch nicht übel, so weit sich das von draußen abschätzen lässt. Die Tücke dieser Ausstellung scheint nämlich darin zu bestehen, dass Größe des Landes, Größe der Präsentation und Größe des Interesses in linearem, wenn nicht exponenziellem Zusammenhang stehen. Während also die Ausstellungen von, beispielsweise, Indonesien oder Usbekistan mit ihrem laubgesägten, an die Grüne Woche gemahnenden Charme stets zugänglich sind, ist bei Japan oder Kanada unter einer Stunde Stehen praktisch nichts zu machen. Auch der geheimnisvolle Charakter des Gebäudes scheint eine gewisse Rolle zu spielen, denn sowohl die monumentale Salatschüssel des Dualen Systems als auch der blaue, wasserüberströmte Kubus Islands werden von Schaulustigen belagert. Island sieht sich in diesem Moment zusätzlich durch umfassende Sicherheitsmaßnahmen belastet, denn es naht der Tross des Bundeskanzlers, ein Bläserquintett intoniert eine fremde Melodie, die wir uns ohne Weiteres als isländische Hymne vorstellen können, und - zack! - sind die Prominenten drin.

Wir nehmen so lange mit den Philippinen vorlieb, die sich als menschlich-fortschrittliches Gemeinwesen präsentieren; man mag ihnen nicht übel nehmen, dass nichts über Entführungen vorkommt, zumal das ja jedem Land mal passieren kann. Draußen teilt ein Schriftband mit Nachrichten prompt mit, der Meisterterrorist Bin Laden habe all das angestiftet - und schon wieder gehen die Gedanken auf Abwege. Wäre es nicht dem Ziel einer gerechten Abbildung der Welt angemessen, wenn auch der Terrorismus eine kleine Halle hätte? Dort könnte ein Referent Bin Ladens anhand blutiger Multimediavorführungen über Chancen und Grenzen des Terrorismus informieren, hübsche Hostessen im Kampfanzug ... Halt!

Der Kernbereich dieser Weltausstellung freilich liegt in den Themenhallen. Getragen von pädagogischem Furor möchten uns die Macher den Geist der Agenda 21 der Vereinten Nationen nahe bringen, die Verklammerung von ökologischem und wirtschaftlichem Denken zum Nutzen der Menschheit. In der Halle nebenan, wo es um den Menschen geht, kann der Wachmann noch jeden Gast mit Handschlag begrüßen. Dabei geht es drinnen äußerst kurios zu. Ein Drucker spuckt sinnlose Berge von Gen-Sequenzen aus, auf Bildtafeln finden wir millimeterdünne Schnittfotos durch eine Leiche, die den Menschen als eine Art Sülzkotelett erscheinen lassen. Gleich daneben stehen fünf Zahnbürsten im Glas auf einem erleuchteten Glaswürfel, eingesponnen in einen weiteren Würfel aus roten Kunststoffseilen. Wellensittiche, die in Drahtkästen sitzen und vor sich hin zwitschern, symbolisieren angeblich die indische Bevölkerung heute und in 50 Jahren, und weiter hinten hat die chemische Industrie eine Art Achterbahn aufgebaut, die von den jungen Besuchern gern benutzt wird, weil sie das Periodensystem der Elemente entschieden spannender demonstriert als der landläufige Oberstudienrat.

Wir merken an dieser Schilderung übrigens, dass die moderne Ausstellungspräsentation Sinn vor allem dadurch zu stiften sucht, dass sie das Unvereinbare durch Techniken vereint, die der Konzept- und Multimediakunst entlehnt und deshalb unangreifbar sind. Das Klischee dieser Methode findet sich in der Themenhalle "Arbeit", die unter gusseiserne Sponsoren aus dem weiten Feld der Gewerkschaften, Berufsgenossenschaften und Arbeitsämter gefallen ist und deshalb die Besucher zunächst in eine Spirale des Grauens hineinführt. Nach etwa einem Kilometer stehen an den Wänden nur noch Abkürzungen wie BFG, BKK und AFÖG, die mühelos die erotische Ausstrahlung gescheiterter Tarifverhandlungen unterbieten.

Pittoreske Müllhalden



Dann, endlich, die Halle, in der die Elemente moderner Ausstellungspräsentation mit der Präzision einer Atombombe aufeinander treffen: um sich selbst kreisende Grafiken aus Einsen und Nullen (digitale Zukunft!), grüne Bäume auf grüner Wiese (die Umwelt nicht vergessen!) und pantomimische Darstellungen von lebendigen Tänzern (der Mensch steht im Mittelpunkt!). Ganz anders die Halle, die sich mit Umweltprojekten beschäftigt. Früher, als die Welt noch nicht eins war, hätte man von einer Dritte-Welt-Ausstellung gesprochen, und auch das Flair einer gymnasialen Projektwoche ist nicht fern. Pittoreske Müllhalden, erbauliche Ideen, viel Elend, aber mit Perspektive.

Doch die Welt ist längst eins geworden. Und das geheime Projekt der Expo scheint darin zu bestehen, dass selbst Sprachschranken einfach wegdefiniert werden: Babylon ist Vergangenheit. An jeder Wurstbude, jedem Informationsstand, sogar in der Pressestelle stehen sympathische junge Leute, die sich in allen bekannten Sprachen der Menschheit verständigen. Aber welche sind es? Man selbst versucht grundsätzlich immer die falsche, geht unmerklich zu einem seltsamen Global-Pidgin über - und da passiert es, mittendrin zwischen Hasseröder- und Dr.-Longlife-Boulevard, bei den Rostbratwürsten. Man bestellt Wurst samt Senf auf Französisch, und die Rückfrage kommt blitzschnell: "Wat wollnse?"

Ein harter Tag, zweifellos. Wo könnte Entspannung warten, wenn nicht in der Themenhalle Gesundheit? Sie fängt dröge an, mit einem Verhau von Schrifttafeln, die auf riesigen Luftballons aufgetragen sind. Doch dahinter kommt der Expo-Clou: der Entspannungsraum. Sanfte Sessel, die sich in die Waagerechte schwenken lassen. Handys müssen draußen bleiben, dafür gibt es eine von Bildern erfüllte Spiegelwand. Wir sehen Inder, ja sogar indische Kinder, also die gegenwärtig größtmögliche Annäherung an die Zukunft schlechthin. Bald werden sie hinausgehen in alle Welt, um uns den Weg in eine glänzende Zukunft voller Computer zu zeigen. Ob die dann so aussieht wie die Expo in Hannover? Der Stuhl wiegt sich hin und her, wir werden müde. So müde.

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