Welt : Expo 2000: Es geht nicht um die Wurst - es geht um die Welt (Gastkommentar)

Wolfgang Schäuble

Was kostet eine Bratwurst? Sind die Preise für eine Bahnfahrt nach Hannover angemessen? Und wie viele Besucher werden es wohl weniger als die der Kalkulation zu Grunde gelegten 40 Millionen?

So ungefähr sind die Themen, mit denen sich die veröffentlichte Meinung in Deutschland im Zusammenhang mit der Expo zu befassen scheint. Die Debatte ist so kleinmütig geblieben wie am Anfang angesichts rot-grüner Bedenken in Hannover: Kann sich Deutschland im Jahre 2000 überhaupt eine Weltausstellung leisten? Und dürfen dafür gar Steuergelder verwendet werden? So fing es an, und leider ist davon zu viel geblieben.

Ist das wirklich alles, was uns zur Expo einfällt? Wer die Expo besucht hat, so viel steht fest, der ist beeindruckt. Eine Sicht der Welt im Jahre 2000 und der Perspektiven am Beginn des neuen Jahrhunderts in all ihrer Vielfalt - bedrückend, faszinierend, Angst machend und auch hoffnungsvoll. Und erst die Menschen - aus aller Herren, pardon: auch Damen - Länder, bunt, jung, viele Familien, interessiert und engagiert. Staatsoberhäupter und Rucksacktouristen. Und Events ohne Ende - von der Blaskapelle bis zur zehnstündigen Faust-Aufführung. Was will man mehr? Eine bessere Marketingstrategie und Öffentlichkeitsarbeit? Mag sein. Aber: Ist das wirklich alles?

Anhand der Expo lassen sich die Debatten führen über die großen Themen unserer Zeit und unserer Einen Welt - Debatten, die unser Land so dringend braucht wie unsere Fußballnationalmannschaft einen neuen Motivationsschub.

Die modernen Kommunikationstechnologien an der Schwelle zur künstlichen Intelligenz, und auf der anderen Seite das Ringen um widerstandsfähigere Gräser, um die Wüstenausdehnung in der Sahelzone. Die Rettung der Artenvielfalt in den tropischen Regenwäldern und der Blick aus der Raumfähre auf unsere alte Erde. Mitten im Berliner Hinterhof in der eindrucksvollen Multi-Media-Show im deutschen Pavillon und gleich gegenüber französisches Selbstbewusstsein und Esprit, unter einem Thema: Bewegung. Die eindrucksvollen Länderpavillons unserer Nachbarn im Norden und Osten - Vielfalt und Reichtum Europas, und dann wieder die bestrickende Liebenswürdigkeit der Inder. Der Pavillon der Hoffnung, wo junge Christen aus aller Welt auf Not und Elend aufmerksam machen und dabei fröhlich bleiben, weil all die vielen Aufgaben, die sich da stellen, eher zum Mitmachen als zur Teilnahmslosigkeit anregen.

Moderne Formen der Ausstellungsinszenierung, Verbindung von Technik und Kunst, neue Ausdrucksformen auch in internationaler Begegnung - Themen auch für kulturpolitische Debatten ohne Ende. Ein Kulturbeauftragter der Bundesregierung könnte viel Segensreiches bewirken - aber die Expo dauert ja noch bis Ende Oktober. Sie ist eine Chance für unser Land, für uns alle und für jeden. Weil Qualität wichtiger ist als Quantität, sollten wir aufhören, nur über Zahlen und Kosten zu nörgeln. Wir sollten stattdessen die inhaltliche Chance nutzen, uns den Problemen unserer Welt zu stellen, den Herausforderungen und Chancen, mit all der Vielfalt und all den Widersprüchen. Dazu regt die Expo an. Lassen wir uns anstecken! Es lohnt sich für unser Land und für die Eine Welt. Und ein solches Bild von Deutschland und von den Deutschen zu vermitteln, das könnte uns Sympathien in aller Welt eintragen. Gelingt uns das, wird die Expo nicht teuer, sondern kostbar.

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