Welt : Expo 2000: Herzensberliner (Glosse)

Arne Boecker

Wie alle hundertprozentigen Berliner - ist er keiner. "Meine Familie kommt aus dem Ostpreußischen", erzählt er. "Ich bin in Kiel geboren, lebe aber schon seit mehr als fünfzehn Jahren in Berlin." Der Mann aus der Sippe derer zu Wandersleben pressespricht für den deutschen Pavillon, in dem noch bis Samstag die "Länderwoche Berlin" läuft. Man muss schon sehr früh aufstehen, um den 35-Jährigen mal nicht im tadellosen Gewand zu erwischen; selbst in dickster Sommerhitze bewachen Jackett und Weste den korrekt gebundenen Krawattenknoten. Für die Morgentour zum Pavillon bevorzugt er aber dann doch das Rennrad, das Jeans und T-Shirt angezeigt sein lässt.

Nach Frischmachen und Umziehen strahlt der Mann aus allen Knopflöchern. Es läuft nämlich: Trotz insgesamt schwachen Expo-Besuchs schlängeln sich vor dem Eingang des deutschen Pavillons jede Menge Menschen. Andreas Wandersleben mag besonders die Stelle in dem Berlin-Clip am "Baum des Wissens", in der "von einer virtuellen Geigerin auf die Love Parade rund um die Siegessäule geblendet wird".

Seit zwei Jahren kriegt er die Goldelse nur wochenends zu sehen, aber die Entfernung hat seine Gefühle nur noch verstärkt: Der ostpreußische Kieler ist ein Herzensberliner. In der Expo-Stadt lebt er in der Lister Meile, von der Wohlmeinende behaupten, sie könne auch in Kreuzberg liegen. "Naja", knautscht Wandersleben und ringt um Worte, "die List ist schon ganz schön" - man ahnt, dass der nächste Satz mit "aber" anfängt - "aber im Vergleich zu Kreuzberg ist es abends doch ... ähem ... ziemlich tot." Als Diplomat schickt er schnell "ein paar sehr ruhige, sehr schöne Stellen am Maschsee" hinterher: "Nach sowas müsste man in Berlin lange suchen."

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