Welt : Expo 2000: Morgen kommt der Vatikan

Clemens Wergin

Nicht überall wo Expo draufsteht, ist auch Expo drin. So hatten die Iren am Vorabend ihres Nationentages zur Dichterlesung ins Expo-Café geladen. Allein: Dieses befindet sich nicht auf dem Hannoveraner Messegelände, sondern in der Innenstadt, als Botschaft eines exterritorialen Gebiets in der Landeshauptstadt. Wenn einzelne Nationen sich auf der Expo vorstellen und jeden Tag wieder von Birgit Breuel artig begrüßt werden, so bringen sie meist allerlei Folklore, Tanz und Musik auf die Plaza-Bühne des zentralen Expo-Platzes. Denn bei diesen Kunstformen steht im Hintergrund, was die größten Verständigungsschwierigkeiten im globalen Dorf bereitet: das Wort.

Nicht so Irland. Hier ist man viel zu stolz auf seine Dichter, um sie der Welt zu verbergen. Doch ohne Musik geht es auch hier nicht: Sänger Frank Harte trifft manchmal den ersten Ton nicht richtig oder muss mit Mandolinen-Begleiter Donal Lunny noch mal von vorne einsteigen, bevor er in jene plastischen Tonwelten abhebt, die Irlands Landschaft in sich zu tragen scheinen. Doch Musik ist ohnehin zweitrangig. Auf die Geschichte kommt es an, die da erzählt wird. Als "Gedächtnis Irlands" gilt der manische Liedsammler. Ständig ist er quer durch Irland unterwegs und trifft sich tagelang mit Sängern, um von ihnen die alten, im Lied konservierten Geschichten zu lernen. Denn wer sich mit den Iren anlegt, muss mit ihrem langen Gedächtnis rechnen. "Jede Phase unserer Geschichte wurde getreu im Lied erhalten", sagt Harte. Und singt über jene Begebenheit von den 36 Männern, die 1798 von den Engländern auf dem "village green" ihres Dorfes erschossen wurden, weil sie angeblich eine Revolte planten.

Auch die Dichterin Eavan Boland erinnert an eine irische Katastrophe, an die "great famine", die große Hungersnot von 1845-49. Damals ließen britische Hilfsorganisationen die Hungernden Steinstraßen bauen im Austausch für Nahrung. Viele dieser berüchtigten "famine roads" enden irgendwo in der irischen Landschaft. Dort, wo die Hungernden der Tod ereilte. Und so halten Bolands Gedichte Erinnerungen an Orte wach, die wie Wunden im irischen Gedächtnis klaffen. "Meine Sprache wird nicht heilen, / ich will nicht, dass sie heilt" schreibt sie in "Im Exil". Ihre ersten Erfahrungen mit dem Exil machte Boland als Kind mit zwei deutschen Mädchen, die mit der "Aktion Shamrock" (Kleeblatt) in irische Familien geschickt wurden, um dem deutschen Nachkriegselend wenigstens für einige Zeit zu entkommen.

Bei so viel positiven Bindungen geriet dann auch das offizielle Besuchsprogramm am nächsten Morgen zur Parade der Nettigkeiten. Die resolute Präsidentin Mary McAleese war eigens angereist, um den deutschen Gastgebern ordentlich Honig um den Bart zu schmieren. Im Gegenzug sprach Familienministerin Christine Bergmann ohne viel Federlesens James Joyce einen Nobelpreis zu, den dieser nie erhalten hat. Die Iren bedankten sich mit einer Welturaufführung: Donal Lunny, der mit anderen seit Jahrzehnten das Revival der traditionellen irischen Musik vorantreibt, hatte dem RTE Concert Orchestra für die Expo sein "Dúiseacht" (Erwachen) auf den Leib geschrieben und verblüffte, unterstützt von zwei Perkussionisten, mit einem furiosen Solo auf der Bodhran. Lunny entlockte dieser tamburinartigen Handtrommel regelrechte Melodien und bewies: in Irland ist Musik noch handgemacht. Ansonsten bekam man im irischen Pavillon den Eindruck, ein Nationentag sei vor allem ein großes Familientreffen. Auch wenn die offene Wackersteinwand des Pavillons die eisige Kälte draußen ohne Widerstand passieren ließ: Die irischen Journalisten, Pavillon-Mitarbeiter und Begleiter der Präsidentin mochten sich die gute Laune nicht verderben lassen.

Auf der Plaza-Bühne wurde noch den ganzen Tag irische Musik geboten, bloß die Besucher kamen spärlich. Gegen die Überfülle an Eindrücken muss jedes Kulturprogramm die Waffen strecken. Und dann auch noch Fußball: Irland hat zwar nicht die Qualifikation geschafft, dafür flogen auf der großen Freitreppe vor dem Riesen-Monitor einem anderen kleinen Land Europas die Herzen zu: Portugal wollten die über 500 Zuschauer gewinnen sehen. Nach dem Golden Goal von Zidane waren allein die Franzosen im eigenen Pavillon noch in Partylaune.

Am schönsten ist die Expo zweifelsohne nachts, wenn die meisten schon gegangen sind. Wenn aus einsamen Restaurants laute Musik schallt, während die Stühle schon verkehrt herum auf den Tischen gestapelt sind. Am schwedischen Pavillon buddelt ein Arbeiter gefährlich nah am Wassergraben ein Loch in den Sand, während vom Freilichtkino noch die quietschenden Reifen des irischen Road-movies "Accelerator" hinüberschallen: Milchgesichtige irische Teenie-Paare fahren mit tiefergelegten Schlitten durch die Film-Nacht, während die fleißigen Expo-Heinzelmännchen alles für den nächsten Tag vorbereiten. Denn nach dem Nationentag ist vor dem Nationentag. Morgen hat sich der Vatikan angesagt.

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