Welt : Expo 2000: Wer anschafft zahlt auch (Leitartikel)

Antje Sirleschtov

Wenn Du Gäste lädst, dann bewirte sie fürstlich und lege Dein feinstes Gewandt an, auch wenn Du ein armer Schlucker bist. War das Sprichwort arabisch? Asiatisch? Mexikanisch? Ganz gleich - Deutsch war es jedenfalls nicht.

Für fünf Monate hat sich Deutschland Gäste aus allen Ländern der Welt zur Expo nach Hannover eingeladen. Zum ersten Mal seit 120 Jahren findet die Weltausstellung hier statt. Es ist die erste Expo dieses dritten Jahrtausends. Und was treibt den Gastgeber um? Deutschland zankt - um Geld. Die Eintrittspreise sind mit 69 Mark abschreckend hoch, lamentieren selbsternannte Verbraucherschützer, als trüge nicht jeder Teeny diesen Betrag mindestens zwei mal im Jahr in ein Rockkonzert. Die Bahn beutet Expo-Besucher mit hohen Fahrscheinpreisen aus, wettern die Gleichen, die eben noch betriebswirtschaftlichen Sachverstand von dem Unternehmen gefordert haben. Und nicht zuletzt zetteln Erbsenzähler aller politischen Parteien schon lange vor dem Ende der Weltausstellung eine piefige Debatte darüber an, aus welchem der vielen deutschen Steuertöpfe das Defizit der Expo 2000 beglichen werden soll. Besinnt sich noch jemand, ob es 1889 in Paris eine derartige Kakophonie gegeben hat, weil der Eifelturm - das bekannteste Wahrzeichen aller Weltausstellungen - keinen Überschuss abwarf?

Wenn die Expo im Oktober endet, dann wird das Großereignis Geld gekostet haben. Viel Geld. Das ist sicher. Ob die Schuld eine Milliarde Mark betragen wird, oder zwei, oder noch mehr: Das ist heute beinahe belanglos. Deutschland hat die Welt eingeladen, in Hannover zu zeigen, wie die Menschen heute leben, und welche Träume sie für die Zukunft haben. Naiv, wer glaubt, dass ein solches Fest zum Nulltarif zu haben ist. Oder fahrlässig.

Die Entwicklung der Expo-Finanzmisere spiegelt deutsches Verantwortungsgefühl: Birgit Breuel hat jahrelang beteuert, dass das Massenspektakel am Ende "mit einer schwarzen Null" abschließen wird. Einnahmen und Ausgaben würden sich nahezu gleichen. Alle zusätzlichen Investitionen in und um Hannover wären ohnehin in Kürze nötig und geplant. Man beschleunige sie allenfalls. Ein verzeihbarer Irrtum? Gewiss nicht. Breuel machte sich mit dieser Lebenslüge zur diensteifrigen Referentin einer ganzen Politikergeneration, die es meisterlich versteht, den Sinn und das wahre Ausmaß öffentlicher Ausgaben hinter einer Wolke des sozialen und nationalen Gewissens zu vernebeln. Nicht nur bei der Expo. Aber auch dort.

Wenn im Herbst in Hannover Kasse gemacht wird, dann müssen der Bund und das Land Niedersachsen für das Ergebnis gerade stehen. Sie tragen die Gesellschaft, die mit der Ausrichtung der Veranstaltung beauftragt wurde. Sie haben einen Vorstand bestimmt, der die Kosten geplant, die Finanzierung sicher gestellt und das unternehmerische Risiko abgeschätzt hat. Sie stellen den Aufsichtsrat, der die Kalkulation, mit 40 Millionen Besuchern ausreichend Spielraum zur Deckung der Kosten zu besitzen, für plausibel erklärt hat. Würde irgendein anderes Bundesland am Gewinn beteiligt, wenn in Hannover zum ersten Mal in der Weltausstellungs-Geschichte eine Profit-Expo gelungen wäre?

Allein in die Hannoveraner Messegesellschaft, deren Eigentümer Niedersachsen und die Stadt Hannover sind, wurde vor der Expo eine halbe Milliarde Mark investiert. Noch einmal 100 Millionen Mark erhielten die Stadt Hannover und die umliegenden Landkreise. Insgesamt gut drei Milliarden Mark flossen in Straßen, Brücken und Bauwerke, die - so beteuert Frau Breuel - von einer Vielzahl von Unternehmen und Institutionen nach dem Expo-Fest sinnvoll genutzt werden. Vielleicht wird man von der größten Messegesellschaft der Welt, die in Zukunft massiv von der Expo profitiert, einen finanziellen Nachschlag verlangen. Möglicherweise müssen für die Gebäude in Hannover zahlungskräftigere Nachmieter als städtische Musikschule und öffentliche Ämter gesucht werden. Für die Schuld, die dann noch bleibt, werden die Eigentümer der Expo-Gesellschaft einstehen müssen. Oder sollten wir die Gäste aus der ganzen Welt nötigen, das rauschende Fest zu bezahlen, das wir gerade veranstalten?

0 Kommentare

Neuester Kommentar