Welt : Expo 2000: Zähne zusammenbeißen

Klaus Wallbaum

Ob Regierung oder Opposition, niemand will derzeit den Stab über die Expo brechen oder gar von einem "Flop" reden. Die Politiker beißen die Zähne zusammen: Immerhin gibt es Parallelen zu anderen kulturellen Großveranstaltungen - nach der rauschenden Premiere sacken die Besucherzahlen erst einmal ab, um nach einigen Wochen dann wieder steil anzusteigen. Dies sei auch bei anderen Weltausstellungen so gewesen, meint die Expo-GmbH in Hannover. Also demonstriert man Optimismus.

Expo Lissabon lief auch schleppend an

Die Expo-Führungsspitze predigt angesichts unerwartet niedriger Besucherzahlen in den ersten Tagen Gelassenheit und hofft auf eine Trendwende. Der stellvertretende Expo-Generalkommissar Norbert Bargmann sagte am Dienstag in Hannover: "Wir sind nach wie vor entspannt. Ich denke, es werden täglich mehr Besucher werden." Neue Besucherzahlen nannte die Expo aber mit dem Hinweis auf technische Probleme weiterhin nicht.

Die zunehmende Kritik an den hohen Eintrittspreisen wies Bargmann deutlich zurück. "Wir müssen hier nicht den billigen Jakob mimen." Zuvor hatte unter anderem Expo-Aufsichtsratsmitglied und IG Metall- Chef Klaus Zwickel die Eintrittspreise von 69 Mark für ein Tagesticket als zu hoch bezeichnet.

Unterstützung erhielt die Expo in ihrer abwartenden Haltung von der portugiesischen Generalkommissarin Simonetta Luz Afonso. Die Expo 1998 in Lissabon habe ähnlich schleppend begonnen, am Ende seien täglich mehr als 300 000 Besucher gekommen. Allerdings habe die Expo damals mit einer Fernsehkampagne und der Einführung von Dauertickets reagiert, um insbesondere Bewohner von Lissabon und Umgebung auf das Gelände zu locken. Dies sei gelungen.

Trotzdem herrscht in Hannover derzeit nicht die beste Stimmung. Der große Reiz der Expo, unterschiedliche Kulturen kennenlernen zu können und faszinierende Visionen kunstvoll dargeboten zu bekommen, bestimmt in diesen Tagen nicht das Bild der Weltausstellung. Über die Erlebnisse, die gute Stimmung in den Pavillons der Nationen und die mit viel Mühe gestalteten Stände etwa in der Afrika-Halle spricht kaum jemand. Vielmehr reden alle über die mageren Besucherzahlen. Man sieht es rund um Hannover: Die Parkplätze sind leer, die Pendelbusse, die eigentlich die Besuchermassen zum Gelände bringen sollten, stehen nutzlos in der Gegend herum. Über die neuen Straßenbahnschienen im Osten Hannovers rasen in Minutenabständen leere Züge. Die Zufahrtsstraßen zur Expo sind frei - keine Spur von dem Verkehrschaos, das sonst zu Messe-Zeiten hier herrschte.

Die Fehler des Managements sind offensichtlich. Zum Beispiel, dass die Expo die Eintrittspreise für den ersten Tag angehoben statt gesenkt hat und dann aus Angst vor ausbleibenden Besuchern jede Menge Freikarten verteilte. Das schuf nicht nur böses Blut bei denen, die keine Karte umsonst bekommen haben. Es sprach sich auch herum, dass ohne die Freikarten wohl kaum so viel los gewesen wäre am ersten Tag der Ausstellung. In den folgenden Tagen hielt die Expo keinen besonderen Anreiz für die Besucher parat - und so wunderte man sich, dass das Interesse abebbte.

Außerdem gibt es viele kleine Ungereimtheiten, die störend wirken und Besucher nicht gerade anlocken: Wer einen Parkplatz in Expo-Nähe nutzen will, muss diesen vorher buchen und dafür dann noch 20 Mark extra zahlen (zu den Tickets, die für einen Erwachsenen schon 69 Mark kosten). Hinzu kommen noch die hohen Preise für Essen und Trinken auf dem Gelände. Ein kleiner Becher Coca Cola kostet vier Mark.

Expo-Geschäftsführer Reinhard Volk erklärte unterdessen, man werde die Situation "beobachten und dann über geeignete Schritte entscheiden". Wird man die Eintrittspreise senken? Dieser Schritt wäre gefährlich. Es wären frühe Käufer verärgert. Andere würden warten, bis die Preise weiter purzeln.

Über 500 Entlassungen

Weit über 500 Beschäftigte sind entlassen worden, weil die Besucherzahlen bislang deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind. Allein der Personaldienstleister Adecco hat nach Angaben des Betriebsrates 523 Mitarbeitern gekündigt. Weitere 40 Kräfte hat die Zeitarbeitsfirma Randstad nach eigenen Angaben entlassen.

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