Welt : Expo: Das Volk bleibt Zaungast

Karina Christen

Im großzügigen Rund der Expo-Plaza stehen sparsame Stuhlreihen auf eilig verlegtem rotem Teppichboden. Auf den breiten Stufen, sonst beliebter Ruhe- und Tummelplatz der Expo-Besucher, stehen Absperrgitter. Wenn Romano Prodi, der Präsident der Europäischen Kommission, zu Besuch kommt, ist das Volk nur Zaungast. Es ist "Ehrentag der Eurpäischen Union" auf der Weltausstellung in Hannover. Eine beträchtliche Zahl Offizieller hastet in Prodis Gefolge durch die Expo, darunter die EU-Kommissare Günter Verheugen und Michaele Schreyer. "Das ist ein Tag zum Feiern" sagt Romano Prodi. In 50 Jahren habe man erreicht, wovon die Gründerväter nur träumen konnten. Frieden und Wohlstand prägten Europa. Und: "Wir haben eine einheitliche Währung eingeführt, die schließlich auch unsere wirtschaftliche Stärke widerspiegeln wird."

Hinter den Absperrgittern kommt vielsagendes Gemurmel auf. Auf mehr Zuspruch trifft Prodis inniges Plädoyer für die Osterweiterung der Gemeinschaft. "Wir gestalten ein neues Europa für ein neues Jahrhundert." Barrieren der Vergangenheit niederzureißen sei die wichtigste europäische Aufgabe. Die Weltausstellung hat die EU-Erweiterung schon vorweg genommen. Alle Beitrittskandidaten seien in Hannover präsent, sagt Expo-Chefin Birgit Breuel. "Sie alle haben hier ihren Platz am Europa-Boulevard."

Die Expo-Landkarte zeigt das europäische Haus östlich von Deutschland. Im Süden liegt Frankreich und ganz nah, gleich im nächsten Block, residieren die Schweiz und die Türkei. Sie alle können allerdings an diesem Sonntag nicht mit einer Visite des wichtigsten Europäers rechnen. Gastgeber Deutschland hingegen schon. Die EU-Delegation hält den nie abreißenden Zustrom in den deutschen Pavillon auf. Die Menschen, die schon mehr als eine Stunde draußen anstehen, müssen noch länger warten. "Wir sind das Volk", skandiert ein kleiner Chor in der Menge. Andere setzen nach: "Wir wollen rein!" Prodis Delegation drängt zur Eile. Das Programm ist in Verzug, und bald wartet irgendwo in Hannover der Bundeskanzler mit dem Mittagessen auf den Italiener. Eilig geht es zum EU-Pavillon hinüber. Im Vergleich zur deutschen Präsentation kommt der europäische Beitrag bescheiden daher. Dennoch bilden sich auch vor dem Europa-Haus lange Schlangen. Noch ehe die Wartenden sich darüber geeinigt haben, wer denn der wichtige Besucher sei, ist dieser schon im Innern verschwunden.

Dort erwartet Romamo Prodi eine "Zeitreise durch die europäische Geschichte." Im "Time-Shuttle" wird allerdings kein trockener historischer Absriss geboten, sondern eine Bilderreise durch das Europa der zurückliegenden 50 Jahre. Die Hydraulik unter der Kinotribüne lässt die Europa-Touristen auf der Expo mitfühlen, wenn etwa ein Vespa-Roller über römisches Straßenplaster holpert. Mini-Filmsequeznen helfen dem Gedächtnis auf die Sprünge, zeigen mal ein Beatles-Konzert, mal den Fall der Berliner Mauer. Die Tour im "Time-Shuttle" will die Menschen emotional erreichen. Reichlich Informatives über alle Bereiche der europäischen Zusammenarbeit gibt es eine Ebene höher, multimedial und interaktiv. Auf einer als Euro-Münze gestalteten Plattform wird der Besucher emporgehoben. Eine Symbolik, die zum Leidwesen der Planer nicht mehr so recht passen mag. Für Romano Prodi kein Problem. "Wenn der Euro in Form von Bargeld näher bei den Bürgern ist, wird das Vertrauen in die neue Währung zunehmen", glaubt er. Auf der Expo zeigte sich zum "Ehrentag" allerdings auch das offizielle Europa weit weg von den Menschen. Eilig entschwindet Prodi, der Kanzler wartet. Zurück bleiben Kinder, die so gern ein Autogramm in ihrem Europa-Büchlein gehabt hätten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar