Welt : Expo: Last Exit Laatzen (Kommentar)

Bodo Mrozek

Ein "Weltdorf" hat Thomas Mann im "Zauberberg" einmal den Schweizer Ort Davos genannt, auch wenn dessen Bewohner gerne den Superlativ "höchste Stadt Europas" für sich in Anspruch nehmen. Davos liegt dieser Tage in Hannover, Ausfahrt Laatzen. Nirgends in Deutschland ist der Wille zum Superlativ größer als auf dem Expo-Gelände. Alles will hier mega oder hyper sein, wenn nicht sogar giga. Dennoch ist die Expo mit dem Thomas Mannschen Oxymoron vom "Weltdorf" überaus korrekt bezeichnet. Die geschwungene Form des deutschen Pavillons soll nach dem Bekunden seines Architekten Josef Wund zwar "eine einladende Geste an die Besucher aller Welt" darstellen, und er versteht dies als eine "bewusste Distanzierung von der preußisch-starren Haltung der deutschen Vergangenheit". Ein frommer Wunsch! Denn während vor anderen Pavillons freundlich lächelndes Empfangspersonal in Landesprache grüßt, sich Asiatinnen vor jedem Gast einzeln verneigen, wird die deutsche Hütte im Weltdorf bewacht wie eine Festung. Wer durch einen der vielen Ausgänge eintreten will, wird von verkabelten Sicherheitskräfte in Uniform barschen Tons zum einzig zulässigen Eingang abkommandiert. Auch vor dem Kultursaal, der diese Woche die Literatur zu Gast hat, wachen schnauzbärtige Uniformträger. Sie kennen keine Gnade. Wie berichtet, haben sich die Veranstalter als Scheinpublikum eigens Leipziger Literatur-Studenten gemietet, dennoch bleiben bei der Auftakt-Veranstaltung etliche Plätze leer. Denn eine halbe Stunde nach Beginn halten die Ordner jeden Literaturfreund vehement von der Literatur fern. Auch bei der in Rumänien geborenen Schriftstellerin Herta Müller machen die strengen Wachtposten keine Ausnahme. Noch am Nachmittag hatte sie von ihren Erfahrungen mit der rumänischen Securitate berichtet und den "fremden Blick" auf Deutschland geübt. Nun bleibt dieser Blick mehr befremdet als fremd an der Securitas der Firma Gegenbauer haften. Mit Hilfe von Autoritätspersonen erhält sie schließlich Einlass, eine Besucherin mit Presseakkreditierung hat weniger Erfolg. Denn selbst das Pressebüro wird von einem unfreundlichen Cerberus in Uniform abgeriegelt, der jede Auskunft einsilbig verweigert. Erst nach anderthalb Stunden findet die Ausgesperrte auf Intervention der leidgeprüften Pressesprecherin Zugang, doch da ist alles schon vorbei. "Wir haben unsere Befehle", rapportiert ein Wachtposten statt einer Entschuldigung zackig. Die "Offenheit", die der deutsche Auftritt auf "eindrucksvolle und erlebnisreiche Weise inhaltlich umsetzen" will, bleibt da im Wortsinn außen vor. "Denken - Fühlen - Handeln" hat man sich als Motto gewählt, doch regieren weiter Pleiten, Pech und Pannen. Der deutsche Teil des "Weltdorfs" ist somit besser noch mit Thomas Manns Bruder Heinrich beschrieben, der Deutschland einmal als ein Bollwerk bezeichnete, wo der Untertanengeist regiert. Wegtreten!

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