Welt : Expo: Mit Überschall in die Vergangenheit (Kommentar)

Bernd Matthies

Der letzte, späte Triumph der Concorde und ihr anscheinend endgültiges Ende - sie liegen nur ein gutes halbes Jahr auseinander. Es war Silvester, als das fliegende Wunderding einigen Privilegierten die Gabe der Bilokation zu schenken schien: Losgelöst von Zeit und Raum jagten sie von einem Jahrtausend zurück ins andere und feierten das historische Datum gleich doppelt. Das Überschallflugzeug als Zeitmaschine der besseren Stände - so haben wir uns vor Jahrzehnten den technischen Segen der Zukunft vorgestellt. Heute, ein halbes Jahr und 113 Tote später, wissen wir, dass diese Zukunft Vergangenheit ist. Das sprichwörtliche Altern einer Epoche hätte nicht sinnfälliger, nicht brutaler demonstriert werden können als durch den Crash von Paris.

Wir wissen also oder ahnen doch zumindest, dass die technischen Weltwunder Geschichte sind. Das letzte nach dem Ende der Concorde, der schnelle Brüter namens "Superphenix", dampft zwar noch, aber bald ist auch er so museumsreif wie die hybride Idee, die zu seiner Schöpfung führte: Dass wir nämlich eines Tages unser Kaffeewasser mit dem kleinen Kernkraftwerk im Küchenschrank erhitzen und jegliches Elend der Welt mit Megawattstunden zum Nulltarif auslöschen könnten; die Sprit fressende Concorde war ein anderer, spiegelbildlicher Ausdruck dieses blinden Zukunftsfrohsinns.

Ein Irrweg. Aber welche Art Zukunft hat denn nun wirklich Zukunft? Die Expo, deren wesentliches Ziel es stets war, uns diese Frage möglichst anschaulich zu beantworten, feiert in diesen Tagen in Hannover Halbzeit, ernüchtert. Die Zuschauerzahlen steigen zwar sanft, liegen aber immer noch unterhalb der niedrigsten Prognosen. Doch ist das ein Wunder? Die gesamte Konzeption einer Weltausstellung als Schaufenster des Denk- und Machbaren nämlich gehört wie die Concorde in die Epoche der technischen Dinosaurier. Die Völker der Welt und ihre besten Ingenieure in einer gigantischen Leistungsschau vereint - das war attraktiv, als diese Ingenieure noch etwas konstruierten, das man sehen, anfassen und mit viel Aufwand durch die Gegend schleppen konnte.

Seit sich der Erfinderdrang auf Petrischalen, Speicherplatten, in Datennetze und virtuelle Welten zurückgezogen hat, fehlt es an dieser Möglichkeit der unmittelbaren Anschauung, und an der Notwendigkeit dieser Anschauung erst recht. Ist das, was die Sensation von morgen zu werden verspricht, nicht doch nur eine Schnapsidee? Und müssen wir, um uns einen Eindruck zu verschaffen, teuer nach Hannover reisen, wo es doch sehr wahrscheinlich auch ein flinker, billiger Klick ins Internet tut?

Die Macher der Expo sind sich erkennbar bewusst gewesen, dass sie für eine diffuse Zwischenzeit zwischen den Epochen planten. Sie haben deshalb viel im Ungefähren belassen, sind mit ihren Apparaten in die schrille, nichtssagende Beliebigkeit der Konzept- und Videokunst geflüchtet und haben den Besuchern abschreckend pädagogische Exerzitien auferlegt, deren Suggestivkraft von jedem Computerspiel in den Schatten gestellt wird. So verbreiteten sie den Eindruck, die Zukunft werde vor allem ein Triumphzug der Berufsberatung und der gelben Tonne. Das mag sein - aber es erotisiert die Massen nicht annähernd so stark wie vier brüllende Triebwerke.

Nein: Die Ideen, die hinter der Concorde wie der Expo stehen, sind gleichermaßen von gestern. Der Wirtschaftsführer, der seine Unersetzlichkeit durch Frühstück in London, Mittagessen in Manhattan und Abendgala in Paris zu demonstrieren wünscht, ist im Zeitalter der aufkommenden UMTS-Kommunikation ein Fossil. Eine Ausstellung, die die weltweite Virtualisierung und Dezentralisierung an einem zentralen Ort zu präsentieren sucht, ist es nicht weniger.

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