Welt : Expo: Trostpflaster für den Osten

Antje Sirleschtov

Wäre Leipzig die bessere Alternative gewesen? Würde diese historische Großstadt in Sachsen, nur einen Steinwurf entfernt von Orten mit so weltbekannten Namen wie Dessau und Wittenberg und so bewegter Geschichte wie Bitterfeld oder Wolfen mehr Menschen aus aller Welt nach Deutschland ziehen als das niedersächsische Hannover? Gut zwei Monate sind vergangen, seit dort die Tore zur Weltausstellung Expo 2000 geöffnet haben. Und während sich die Organisatoren eingestehen, dass das Großereignis in Hannover weit weniger fasziniert, als sie gehofft haben, erinnert man sich in Dessau mit ein bisschen Häme daran, dass der damalige Umweltminister Klaus Töpfer 1993 in Bitterfeld laut darüber nachgedacht hat, dass man die erste Expo auf deutschem Boden lieber im Osten hätte ausrichten sollen.

Sachsen-Anhalt bekam den Trostpreis: Die Region, mitten im sozialen, industriellen und ökologischen Umbruch nach dem Ende des Sozialismus wurde von Expo-Sonderbotschafterin Birgit Breuel zur einzigen Korrespondenz-Region der Hannoveraner Riesen-Party bestimmt. Wer Hannover besucht, so hofften die Expo-Macher, der sollte sich anschließend in Richtung Osten aufmachen, um zwischen Dessau, Wittenberg und Bitterfeld zu bestaunen, was aus einem einst sozialistisch geprägten Chemiemolloch zehn Jahre nach der deutsch-deutsche Wiedervereinigung geworden ist.

Expo aus dem wahren Leben

Heute weiss man im Organisationsbüro der "Ost-Expo" in Dessau, dass Deutschland in diesem Sommer im Grunde genommen zwei Weltausstellungen ausrichtet: Einen Mega-Event, bei dem die Besucher das Expo-Motto "Mensch-Natur-Technik" staubfrei in Hannovers Messehallen betrachten. Und eine Expo aus dem richtigen Leben in Sachsen-Anhalt, wo man die einmalige Chance erhält, für Augenblicke mit zu erleben, wie sich die Menschen im Alltag mit den Themen "Mensch-Natur-Technik" mühen.

Kaum museales Ausstellungsflair, wenige erhobene ökologische Zeigefinger und keine computergesteuerten High-tech-Visionen vom Leben des Sachsen-Anhaltiners im Jahr 2050. Mit insgesamt dreißig Projekten ist es in Sachsen-Anhalt vielmehr gelungen, eine Weltausstellung quasi für sich selbst, und erst in zweiter Linie für die Gäste aus aller Welt, zu organisieren. In Bitterfeld kann man die Produktionshallen von Unternehmen bestaunen, die in den vergangenen zehn Jahren hierher gekommen sind und einige der vielen Arbeitsplätze ersetzen, die die Region seit 1990 verloren hat. Gleich nebenan gibt es mit der Flutung von gewaltigen Tagebaulöchern und der Regulierung des steigenden Grundwasserspiegels ein ökologisches Projekt zu beobachten, das genau so faszinierend wie bedrohlich für das Leben und den Ökohaushalt der Region ist. Und in Wolfen kann der Besucher dem vereinten Versuch von Stadtverwaltung, Arbeitsamt, Kirche und den Expo-Organisatoren zusehen, eine Plattenbausiedlung, in der fast ausschließlich Menschen wohnen, für die jahrelange Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg zur Normalität gehören, vor dem totalen sozialen Verfall zu bewahren. Kurz um: Die Sachsen-Anhaltinische Expo zieht ihre Besucher überall in das tägliche Leben hinein und zeigt ihnen, dass die Menschen hier auch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung keinefalls in deutscher Normalität angekommen sind. Denn Mensch, Natur und Technik, so scheint es, ringen zwischen Dessau, Wittenberg und Bitterfeld nach wie vor um ein Gleichgewicht.

Zum Beispiel in Wolfen: Nahezu ohne infrastrukturelle Anbindung an die Altstadt des historischen Industrieortes wurde seit 1960 von der DDR-Regierung die Plattenbausiedlung Wolfen-Nord errichtet. Kein Theater, kein Kino, mit so genannten "Dienstleistungswürfeln" zur Deckung des "täglichen Bedarfs" und ein paar Beton-Kindereinrichtungen speiste man die rund 23 000 Bewohner ab, die hierher umgesiedelt wurden, um in der Chemie- und Filmindustrie der DDR zu arbeiten. Heute, da die Branche nicht annähernd so viele Wolfener mit Arbeit versorgt, wie vor zehn Jahren, wachsen die sozialen Probleme. Das Anliegen der Expo-Macher galt deshalb nicht allein der Verschönerung des Umfeldes der tristen Plattenbauten. Sie schufen für die Kleinstadt ein architektonisches Zentrum und gewannen die evangelische Kirche, sich im Christophorushaus an der Errichtung eines Anlaufpunktes für all jene zu beteiligen, die mit den Auswirkungen von Massenarbeitslosigkeit nicht allein fertig werden.

Zugegeben, Aktionen, die eigentlich nicht erwähnenswert sein dürften, setzt man voraus, dass die regionalen Defizite von der örtlichen Verwaltung längst erkannt und auch gezielt bekämpft worden sein sollten. Doch braucht es offenbar in Städten, deren Strukturen innerhalb weniger Jahre vollkommen zusammen gebrochen sind, dann und wann Anstöße von außen, damit überforderte Stadtväter Mut zum Weitermachen finden. In Wolfen-Nord hat die Expo das wohl erkannt: Zum Beispiel mit einem Identifikation stiftenden Park, der eine weithin sichtbare Ausstellung, das "Filmband", und die größte beleuchtete und überdachte Skater-Halfpipe der ganzen Gegend beherbergt. Allein mit der Skaterbahn ist es gelungen, junge Leute von weit her nach Wolfen-Nord zu locken - zum Stolz der entmutigten Jugend, die dort zu Hause ist.

Wer mehr erfahren möchte, wird im Internet fündig. Die Palette der möglichen Expo-Reisen nach Sachsen-Anhalt reicht über Besuche einzelner Ausstellungsstücke, wie den restaurierten Bauhäusern in Dessau, bis zu tageweisen Themenführungen durch die Region.

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