Welt : Exzellenzen auf Wandertag

Bundespräsident Rau lud die Welt ins Saale-Unstrut-Gebiet ein

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Von Elisabeth Binder

Rotkäppchen? Was bedeutet das? Mehr als 110 Botschafter haben sich in einem denkmalgeschützten Backsteinbau in Freyburg an der Unstrut zur Sektprobe versammelt. „Little Red Riding Hood“, sagt die Botschafterin von Uruguay. Später erfahren sie, dass die Flaschenkappe den n gab.

Jedes Jahr lädt der Bundespräsident die Missionschefs des Diplomatischen Corps zu einer Begegnungsreise ein, diesmal in die Region Saale-Unstrut. Schon vor dem Abflug herrscht ausgelassene Stimmung, so ein kleiner Überrest kindlicher Wandertagsfreude scheint auch in den würdevollsten Exzellenzen zu stecken.

Am Montag, nach den Wahlen, wartet jede Menge Arbeit, wenn Analysen über den Zustand dieser Republik in alle Welt geschickt werden müssen. Aber vor die Arbeit hat Johannes Rau erst einmal das Vergnügen gesetzt. Die Rolle des gut gelaunten Wanderführers mit einem Rucksack voller Anekdoten steht ihm auch ausgesprochen gut.

In den Bussen vom Leipziger Flughafen nach Naumburg kramen die Botschafter aufgeräumt in den Frühstücksbeuteln, die für alle bereit liegen, knabbern Schokoladenriegel, trinken Kakao und lauschen, manchmal lächelnd, den bodenständigen Ausführungen einer Stadtführerin.

„Wer mich kennt, weiß, dass es erst in die Kirche geht, bevor wir zur Weinprobe aufbrechen", sagt Johannes Rau auf dem Marktplatz von Naumburg, wo sich zahlreiche Zaungäste versammelt haben, um die Diplomaten zu begrüßen. Unter brausendem Orgelspiel schaut sich die Gruppe Sankt Wenzel an, bevor es durch die hübsche, blumengeschmückte Altstadt zum Dom geht. „Ist das spirituell oder politisch?" ruft ein Botschafter scherzhaft mit dem Finger drohend zwei Kollegen zu, die sich im dunklen Chorgestühl niedergelassen haben und die Köpfe zusammenstecken.

Das Gewölbe der Rotkäppchen Sektkellerei sieht aus wie aus einem altdeutschen Bilderbogen, mit riesigem mit Schnitzereien verzierten Fass in der Mitte, alten Laternen, Mauernischen etc. Bei Knödeln und Rotkohl werden die Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaft und die Mitarbeiter des Auswärtigen Amts, die auch mitgekommen sind, kräftig gelöchert. Die Botschafter haben viele Fragen zum deutschen Wahlverfahren, und dies ist die perfekte Gelegenheit, sie ohne dröges Aktenstudium beantwortet zu bekommen. Man habe lange diskutiert, ob der Ausflug in das von der Flutktastrophe so getroffene Sachsen-Anhalt wirklich stattfinden solle", sagt der Bundespräsident. Das Ergebnis lautete: „Jetzt erst recht!“ Von der Weinkönigin über die applaudierenden Zaungäste bis zum Ministerpräsidenten zeigen alle ehrliche Dankbarkeit angesichts dieser Entscheidung.

Zusätzlich zur Flut kam nämlich eine völlig unnötige Welle von Hotel-Stornierungen, „die uns zusätzlich weh tat“. Ministerpräsident Wolfgang Böhmer wirbt auf Schloss Neuenburg um Touristen, Investoren und ausländische Studenten.

In aufgeräumter Stimmung fliegen die Botschafter zurück. Der perfekt organisierte Ausflug wird langsam Kult. „Was für ein wunderbarer Tag“, heißt es, mal auf englisch, mal auf französisch. Deutschland kann auch richtig nett sein.

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