• Fabrik-Einsturz in Bangladesch: Retter finden nach 100 Stunden weitere Überlebende

Fabrik-Einsturz in Bangladesch : Retter finden nach 100 Stunden weitere Überlebende

Eigentlich wollten die Retter nur drei Tage nach Überlebenden suchen. Doch als der Schlusspunkt verstrich, drangen noch immer Hilferufe aus dem Trümmerberg des am Mittwoch zusammengestürzten Fabrikgebäudes in Dhaka. Unterdessen konnte der Besitzer der Fabrik gefasst werden.

Dhaka, Bangladesch: Menschen halten Fotos von ihren Verwandten hoch, die vermutlich noch in den Trümmern des eingestürzten Fabrikgebäudes gefangen sind.
Dhaka, Bangladesch: Menschen halten Fotos von ihren Verwandten hoch, die vermutlich noch in den Trümmern des eingestürzten...Foto: Reuters

Über dem Trümmerberg liegt Leichengestank, den Helfer mit einfachen Atemmasken und Raumspray zu bekämpfen suchen.
Bei bis zu 35 Grad verwesen die Toten schnell - und die letzten Überlebenden drohen zu verdursten. Es ist wie ein Wunder, dass es manche Menschen mehr als 100 Stunden in Hohlräumen unter dem Überresten des Fabrik- und Geschäftsgebäudes in einem Industriegebiet von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka ausgehalten haben, das am Mittwoch in sich zusammenfiel. Doch die Opferzahl ist schockierend: 373 Tote lautet am Sonntag der Stand.
Die Rettungsteams fuhren am Sonntag bereits riesige Hydraulikkräne heran, um das Gewirr aus Betonplatten zu beseitigen. Doch dann finden sie noch einmal neun Menschen im Bauch des Schuttberges, der für Hunderte zum Grab wurde. Also wurden die schweren Maschinen angehalten.

Die Textilarbeiterin Marium Begum ist eine der fast 2500 Überlebenden im wohl schlimmsten Industrieunfall in der Geschichte von Bangladesch. Weil ihre Hand unter einem Betonbrocken eingequetscht war, hätten die Rettungskräfte sie abgetrennt, erzählt die Witwe im Krankenhaus. „Ich habe gearbeitet, um meine Kinder großzuziehen. Wer sorgt jetzt für sie“, fragt sie sich.

Neben den wenigen Überlebenden, die am Sonntag noch auf Tragen aus dem einstigen Fabrikgebäude gerettet wurden, gebe es im Inneren vor allem Leichen - viele von ihnen seien nicht mehr zu identifizieren, sagt Sohel Ahmed, der sich durch eines der Bohrlöcher bis in das Erdgeschoss des Gebäudes zwängte. Die Koordinatoren der Bergungsarbeiten wagen nicht zu schätzen, wie viele Menschen dort noch liegen könnten.

Tausende Helfer, unter ihnen Rikschafahrer und Elektriker, Studenten und Ärzte, arbeiteten rund um die Uhr. Viele der Helfer sind ohne Helme unterwegs, ohne feste Schuhe, ohne Handschuhe, ohne Training. In Flipflops und Jeans steigen sie über verbogene Metallstangen und durch eingestürzte Treppenhäuser. Sie sind die letzte Hoffnung der Menschen, über denen das Gebäude wie ein Kartenhaus zusammenfiel.
Etwa einen Kilometer entfernt von der Unglücksstelle rennen Hunderte Männer und Frauen jedes Mal wie im Rausch los, wenn sich ein Krankenwagen nähert - und kehren dann meist weinend und trauernd zurück. Sie hoffen, dass ihre Liebsten dieses Mal aus dem Wagen geholt und im Schulhof platziert werden, wo die Leichen in Reihen liegen. „Ich warte seit vier Tagen hier auf meine Schwester Rina Begum“, sagt eine verzweifelte Parul Begum, die seit Tagen nicht geschlafen hat. „Ich habe in jedem Krankenhaus gesucht, niemand konnte mir etwas über sie sagen.“ Die Textilarbeiterin Monika Hambro erzählt vom Unglückstag: Eigentlich wollte sie das Gebäude nicht betreten. Doch sie sei zur Arbeit gezwungen worden, obwohl das Haus schon am Vortag Risse hatte.

„Der Boden teilte sich in zwei Hälften, wo ich saß“, erinnert sich die 25-Jährige an den Moment der Tragödie. „Als ich wieder zu mir kam, versuchte ich, in der Dunkelheit zu kriechen, um jemanden zu finden, der mir hilft. Aber alle Seiten waren blockiert.“ Hambro sagt, sie könne nie wieder eine Fabrik betreten. Sie wolle in ihr Heimatdorf im Norden gehen und dort Enten und Hühner halten.

Die Behörden des Landes verhafteten am Sonntag Sohel Rana, den seit Tagen abgetauchte Besitzer des eingestürzten Fabrikgebäudes. Er wollte gerade ins benachbarte Indien ausreisen, wie die Regierung mitteilte. (dpa)

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