Update

Fährunglück in Südkorea : Gekenterte Fähre: Wer sitzen blieb, war in der Falle

Passagiere berichten von einem dumpfen Schlag, dann bekam die Fähre Schlagseite. Viele Stunden nach dem Unglück vor der Küste Südkoreas vermelden die Behörden vier Tote - und 300 Menschen Vermisste.

Überlebende des Fährunglücks sitzen nach ihrer Rettung auf einer Hafenmole und schauen auf das Meer hinaus.
Überlebende des Fährunglücks sitzen nach ihrer Rettung auf einer Hafenmole und schauen auf das Meer hinaus.Foto: AFP

Eine Fähre mit rund 460 Menschen an Bord ist am Mittwoch vor der Südwest-Küste Südkoreas gekentert und gesunken. Stunden nach dem Unglück wurden nach Angaben der Küstenwache noch immer fast 300 Personen vermisst. Die meisten von ihnen waren Schüler, die mit ihren Lehrern einen Ausflug zur Insel Jeju machen wollten. Die Behörden bestätigten den Tod von vier Personen.

Mehr als 164 Menschen konnten in einer groß angelegten Rettungsaktion in Sicherheit gebracht werden. Warum die 20 Jahre alte “Sewol“ bei offenbar ruhiger See kenterte, blieb zunächst unklar. “Alles war prima. Dann gab es ein lautes Geräusch, Frachtteile stürzten um“, berichtete Cha Eun Ok in der Stadt Jindo, die der Unglücksstelle am nächsten liegt. Cha war an Deck und fotografierte, als das Unglück seinen Lauf nahm. “Es wurde durchgesagt, dass die Leute an Ort und Stelle bleiben sollten“, sagte sie. “Aber wer blieb, saß in der Falle.“ Die “Sewol“ war mit 459 Menschen an Bord auf dem Weg zur Insel Jeju, als sie 20 Kilometer vor der Küste in Seenot geriet und einen Notruf absetzte. Die Fähre bekam Schlagseite, kenterte und lag Kiel oben im Wasser.

Fähre vor Südkorea gekentert - Hunderte Menschen an Bord
16.04.2014: Vor der Küste Südkoreas ist eine Fähre mit fast 500 Menschen an Bord gesunken. Viele Kinder und Jugendliche schwimmen um ihr Leben.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Foto: AFP
16.04.2014 09:2916.04.2014: Vor der Küste Südkoreas ist eine Fähre mit fast 500 Menschen an Bord gesunken. Viele Kinder und Jugendliche schwimmen...


Schließlich ragte nur noch ein kleiner Teil des blau-weißen Bugs heraus. Augenzeugen sagten, viele Vermisste befänden sich vermutlich noch im Rumpf der Fähre, die auch 150 Fahrzeuge an Bord hatte. Rund 100 Schiffe der Küstenwache, der Marine und Fischerboote eilten zu Hilfe. Retter zogen Schiffsinsassen mit den Händen aus dem Wasser. Fast 20 Hubschrauber waren im Einsatz und hievten Menschen mit Seilwinden aus dem Meer. Auch ein US-Kriegsschiff war an der Rettungsaktion beteiligt. Die US-Marine bot weitere Unterstützung an. Rundherum schwammen Trümmerteile.

Verzweiflung und Wut bei den Angehörigen

Für Verwirrung sorgten falsche Angaben über die Zahl der Passagiere und der Geretteten. Zunächst sprach die Regierung von 477 Menschen an Bord, 368 Geretteten und rund 100 Vermissten. Später räumte sie ein, dass den Angaben ein Rechenfehler zugrunde liege: Einige Passagiere seien doppelt gezählt worden. Was anfangs wie eine weitgehend erfolgreiche Rettungsaktion aussah, droht nun eine der größten Schiffskatastrophen der letzten 20 Jahre in Südkorea zu werden. Bei den Angehörigen der Vermissten kamen zur Verzweiflung noch Wut und Ärger über die Behörden. Zornig gingen sie auf Lokalpolitiker und Journalisten los, die bei einem Notlazarett mit Überlebenden sprechen wollten.

In einer Turnhalle saßen Überlebende in Decken gehüllt auf dem Fußboden. Eine Frau lag auf einer Trage, sie zitterte am ganzen Leib. Ein Mann schluchzte laut während er in sein Mobiltelefon sprach. Rund 340 Passagiere waren Schüler und Lehrer von der Danwon-Schule in Ansan, einer Vorstadt von Seoul. Ein Vertreter der Schule berichtete, alle 338 Schüler und Lehrer an Bord hätten das Fährunglück überlebt. Doch diese Angaben konnten weder von der Küstenwache noch von anderen Behörden bestätigt werden.

Überlebende berichten von lautem Schlag

Die See war Rettungskräften zufolge ruhig. In der Nacht war aus der Region starker Nebel gemeldet worden. Zahlreiche Fährverbindungen waren deswegen gestrichen worden. Es gab Berichte, dass die “Sewol“ vom Kurs abgekommen sei. Doch die Koordinaten der Unglücksstelle, die die Hafenbehörden nannten, lagen nicht weit entfernt von der üblichen Route.

Mehrere Überlebende sprachen von einem lauten Schlag, bevor die Fähre kenterte. Doch ein Besatzungsmitglied eines staatlichen Rettungsschiffes berichtete, ein Mitglied der Fähren-Crew habe ihm gesagt, dass es im Unglücksgebiet kein Riff und keine gefährlichen Klippen gebe. Grund des Katastrophe sei vermutlich irgendeine Fehlfunktion der Fähre.

Die “Sewol“ war am Dienstag vom Hafen Incheon 30 Kilometer westlich der Hauptstadt Seoul ausgelaufen. Die Fähre war für rund 900 Menschen zugelassen. Sie ist 146 Meter lang und wurde 1994 in Japan gebaut. (Reuters)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben