Welt : Fährunglück: Trotz Leuchtfeuer Felsen gerammt: Mehr als 60 Tote

Gerd Höhler

Bisher sind 63 Passagiere der griechischen Fähre Express Samina, die auf einen Felsen vor der Hafeneinfahrt von Paros lief, tot geborgen worden. Rettungsmannschaften suchten am Mittwochabend nach den neun noch vermissten Passagieren. An der Suchaktion beteiligten sich Schnellboote der Küstenwache, Kriegsschiffe, Fischerboote und Hubschrauber und Schiffe der Royal Navy. Die 4407 Tonnen große Express Samina war am späten Dienstagabend mit 534 Passagieren und 64 Besatzungsmitgliedern drei Seemeilen (5,5 Kilometer) vor dem Hafen von Paros auf ein Riff gelaufen und innerhalb von 45 Minuten gesunken. Die Zahl der Geretteten wurde mit 463 angegeben. Zu ihnen gehören auch elf deutsche Ärzte, die zu einer Fortbildung in Griechenland weilten.

Effi Chiou, eine der geretteten Passagiere, nahm die Havarie in ihrer Kabine als heftigen Stoß wahr. "Ich dachte zuerst, eine hohe Welle hätte uns getroffen", berichtete die Frau im griechischen Rundfunk. Zunächst hätte die Mannschaft die Passagiere beruhigt und erklärt, es sei nichts passiert. Offenbar hat der Kapitän den Ernst der Lage anfangs völlig unterschätzt. Erst zwanzig Minuten nach der Havarie setzte die Express Samina einen ersten Notruf ab. Da war bereits wertvolle Zeit verstrichen.

Als das Schiff dann immer mehr Schlagseite bekam und bis auf die Notbeleuchtung alle Lichter verloschen, brach Panik aus. "Ich sprang über Bord und schwamm um mein Leben", berichtete eine andere Überlebende, Zoi Kolida. "Nach 50 Metern sah ich mich um, da war das Schiff schon gesunken".

Über die Unglücksursache gibt es bisher nur Spekulationen. Das Riff, mit dem die Express Samina in voller Fahrt kollidierte, ist mit einer Höhe von 23 Metern weithin sichtbar, auf allen Seekarten verzeichnet und überdies mit einem Leuchtfeuer ausgerüstet. Jeder griechische Kapitän, jeder Steuermann kennt den "Portes" genannten Felsen vor Paros. "Man muss blind sein, um ihn zu übersehen", sagte Andreas Syrigos, der Chef der griechischen Küstenwache. Blind ist Kapitän Vassilis Jannakis, der das Kommando auf der Express Samina führte, nicht. Aber fest steht, dass er zum Zeitpunkt des Unglücks nicht auf der Brücke war. Auch der 1. Offizier war nicht dort, obwohl das bei der als nicht einfach geltenden Einfahrt in den Hafen von Paros üblich ist.

Wer das Schiff steuerte, war zunächst unklar. Überlebende Passagiere berichten, viele Besatzungsmitglieder und möglicherweise auch der Kapitän hätten sich zum Zeitpunkt des Unglücks im Fernsehen die Übertragung des Fußballspiels Hamburger SV - Panathinaikos angesehen. Ob es auch auf der Brücke einen Fernseher gab, ist bisher unklar. Kapitän Jannakis und vier Offiziere wurden festgenommen und werden seit Mittwoch von der Hafenpolizei in Paros verhört. Der griechische Generalstaatsanwalt leitete ein Ermittlungsverfahren ein. Justizminister Michalis Stathopoulos sprach von "schwerer strafrechtlicher Verantwortung der Besatzung und der Reederei".

Für die Reederei Minoan Flying Dolphins (MFD) ist der Untergang der Express Samina bereits das zweite Unglück in kurzer Zeit. Vor vier Wochen war ein Tragflügelboot der Gesellschaft vor der Insel Ägina in Brand geraten. Auch jetzt berichteten Überlebende, viele der Rettungseinrichtungen hätte nicht funktioniert. Eine der deutschen Geretteten erhob den Vorwurf, die Besatzung habe bei der Evakuierung des Schiffes nur wenige Anweisungen in griechischer Sprache gegeben, die für ausländische Touristen unverständlich gewesen seien.

Ein Sprecher des ADAC erklärte, Untersuchungen griechischer Fähren in früheren Jahren hätten ergeben, "dass die Sicherheit ein großes Problem ist". Auch die Stiftung Warentest kritisierte 1998 den Sicherheitsstandard und das Sicherheitsbewusstsein auf vielen Mittelmeerfähren als "erschreckend". Zu den häufigsten Mängeln gehörten nicht funktionierende Feuerlöscheinrichtungen, schwer zugängliche Rettungswesten und defekte Rettungsflöße. Auf angebliche schwere Sicherheitsmängel an Bord der Express Samina hatte erst vor wenigen Wochen ein Maschinist des Schiffes in einer Beschwerde beim Marineministerium hingewiesen. Der Matrose wurde inzwischen von der Reederei entlassen. Das hat ihm vielleicht das Leben gerettet.

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