Welt : Fahrt im Lawinengebiet

ULRICH STOLTE

OFTERDINGEN .Peter Braitmaier kam am Dienstag aus dem eingeschneiten Skiort Lech frei.Eigentlich wollte der 44jährige Unternehmer aus Ofterdingen bei Tübingen mit einem Bekannten übers Wochenende skifahren, tatsächlich ließ das Schneechaos nicht zu, daß er auch nur eine Minute auf den Brettern stand.Eine einzige Bergfahrt hatte Braitmaier gemacht und war mit derselben Gondel wieder zu Tal geschwebt.Die Sicht war gleich null, das Gebirge unwegsam, sämtliche Pistenpfosten eingeschneit."Wir haben es locker genommen", sagt Peter Braitmaier.Drei Tage lang bestand das Urlaubsprogramm in gelegentlichen Spaziergängen durch Lech.

Einen großen Ausbruchsversuch starteten 120 Autos am Dienstag.In einem von ihnen saß Peter Braitmaier."Montag nacht gegen 23.30 Uhr erfuhren wir an der Hotelbar, die Lawinenkommission hätte die Strecke freigegeben.Die Nacht war glasklar", erinnert er sich, "man konnte jeden Stern sehen".

Morgens gegen 8 Uhr stieg der Unternehmer in den Skibus, der ihn hinunter zu seinem Auto nach Langen bringen sollte.Die Fahrt, normalerweise 20 Minuten lang, sollte vier Stunden dauern.

Im dichten Schneetreiben ging es los, 120 Autos hatten sich zu einem Korso ins Tal zusammengeschlossen.Was niemand in der langen Schlange wußte: Erst kurze Zeit zuvor hatte eine erste neue Lawine die Straße blockiert, sie war kurz vor dem Flexenpaßtunnel abgegangen, zu früh, um den Konvoi zu treffen.Ein Schneepflug machte ihm die Strecke frei.

Im Flexenpaßtunnel erreichte den Bus über Funk eine zweite Meldung: "Vor euch ist eine Lawine heruntergegangen.Dreht um!"

Doch dazu mußte das Fahrzeug erst aus der Betonröhre herauskommen.Also hieß es weiterfahren.Während der Bus nach einem Platz zum Wenden suchte, erreichte eine zweite Funkmeldung das Fahrzeug: "Jetzt ist auch hinter euch eine Lawine losgegangen.Wir versuchen, euch runterzubringen." Schneepflüge fuhren der Kolonne voran und bahnten den Weg - zunächst für den Notarzt.Die Schneemassen hatten ein Schweizer Auto verschüttet, es lag auf der Seite, war freigeschaufelt.Im Rettungswagen wurde ein Insasse wiederbelebt.

Etwa 100 Meter vor der Abzweigung nach Zürs kam eine weitere Lawine, wiederum machten die Schneepflüge die Straße frei.Hier wurden keine Fahrzeuge verschüttet.Es war das letzte Hindernis, bevor die Gruppe den Bahnhof in Langen glücklich erreichte.Braitmaier kann sich nicht erklären, warum die Lawinenkommission den Weg freigab, trotz der Gefahren, die auf den Straßen drohten.Er vermutet, daß die Verantwortlichen, nachdem sie die Strecke in der Nacht freigegeben hatten, nicht gleich darauf einen Rückzieher machen wollten.Sein Auto hatte der Unternehmer nicht nach Lech mitgenommen, sondern es schon am Freitag, der schlechten Straßenverhältnisse wegen, unten in Langen stehen lassen.Weil die Zufahrt zum Parkplatz über die gesperrte Paßstraße geht, steht es da immer noch.Unter mittlerweile zwei Metern Neuschnee.

In Österreich entspannte sich gestern die Lage.Die Straßensperre zwischen Ischgl und Galtür im Tiroler Paznauntal wurde aufgehoben.Derweil sitzen in der Schweiz 18 000 Winterurlauber fest.Zugleich bedrohten dort am Donnerstag zunehmend Lawinen die eingeschneiten Dörfer; zahlreiche Einwohner mußten ihre Häuser verlassen.In den französischen Alpen fanden die Rettungsmannschaften unterdessen ein elftes Opfer des Lawinenunglücks von Chamonix.

Foto: AP

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