Welt : Fall Clara: Hat die Polizei den Notarzt behindert?

Beamte haben Spuren gesichert statt Erste Hilfe zu leisten NÜRNBERG (AFP).Nach dem tödlichen Sexualverbrechen an der zwölfjährigen Carla bei Fürth haben Polizeibeamte das noch lebende Kind am Tatort ohne Erste Hilfe in einem Teich liegen lassen und zunächst Spuren gesichert.Das bestätigte ein Sprecher der Fürther Polizei am Donnerstag.Entgegen Vorwürfen von Rettungsdienst-Mitarbeitern habe es sich nur um eine "Verzögerung von kurzer Dauer" gehandelt.Die Staatsanwaltschaft Nürnberg will prüfen, ob sich die beiden zuerst am am Tatort eingetroffenen Polizisten der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht haben.Im Rahmen eines allgemeinen Vorermittlungsverfahrens werde seit Freitag unter anderem überprüft, ob die Beamten ein vorwerfbares Fehlverhalten an den Tag legten, sagte Justizsprecher Ewald Behrschmidt.Polizeilehrer äußerten sich verwundert über das Vorgehen der Beamten in Fürth. Nach Polizeiangaben aus Fürth leiteten die Beamten keine Erste-Hilfe-Maßnahmen ein, weil sie davon ausgingen, daß der alarmierte Rettungshubschrauber sofort eintreffen werde.Den Notarzt hätten sie lediglich gebeten, einen eigens eingerichteten Trampelpfad zu benutzen, um keine Spuren zu vernichten.Behrschmidt sagte, für das weitere Vorgehen der Staatsanwaltschaft sei entscheidend, ob ein Fehlverhalten der Polizisten für Carlas Tod mitursächlich gewesen sei.Wenn nachgewiesen werde, daß das Mädchen bei früherer Rettung hätte überleben können, komme eine fahrlässige Tötung in Frage.Die Anklagebehörde wollte zunächst das Obduktionsergebnis der Mädchenleiche abwarten. Rettungsdienst-Mitarbeiter warfen den Polizeibeamten vor, sie hätten die Zwölfjährige fast eine Viertelstunde lang im Wasser liegen lassen.Später sei der Notarzt am Tatort behindert worden; erst nach Protesten hätten die Beamten ihn zu dem im Wasser liegenden Kind vorgelassen, sagte der Vorsitzende des Erlanger Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), Andreas Löffler.Löffler sagte, er rechne fest damit, daß die Staatsanwaltschaft förmliche Ermittlungen gegen die beiden Polizeibeamten einleiten werde.Andernfalls werde er selbst Strafanzeige gegen sie erstatten.Der Leiter der Landespolizeischule im rheinland-pfälzischen Lautzenhausen, Karl Werner, sagte der AFP: "Polizisten werden so ausgebildet, daß so etwas nicht vorkommen darf." Werner ergänzte: "Für uns Polizisten ist ein Mensch erst tot, wenn ein Mediziner das festgestellt hat.Bis dahin sind lebenserhaltende Maßnahmen einzuleiten; das hat absoluten Vorrang vor der Strafverfolgung." Carla war am Donnerstag vergangener Woche von einem unbekannten Täter wenige hundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt auf dem Weg zur Schule sexuell mißbraucht und in einen Weiher geworfen worden.Spaziergänger fanden das teilweise entblößte Mädchen um 7.45 Uhr leblos im Wasser.Erst eine halbe Stunde später wurde die Polizei informiert, daß "eine Leiche im Weiher liege".Um 8 Uhr 25 trafen die ersten beiden Beamten am Tatort ein.Sie alarmierten sofort den Rettungsdienst, hielten das Mädchen aber nach ihrem Eintreffen am Tatort offenbar ebenfalls für tot.Nach der Versorgung durch einen Notarzt wurde das Kind fünf Tage lang künstlich im Koma gehalten.Es starb am Dienstag, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.Von dem Täter fehlte nach Polizeiangaben am Mittwoch immer noch jede Spur.Die Fahndung nach einem Opel, den Zeugen am Tatort gesehen hatten, lief weiterhin auf Hochtouren.

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