Fall Darry : Eine Frage der Strenge

Nach dem Tod der fünf Söhne erhebt der forensische Experte Hans-Ludwig Kröber schwere Vorwürfe. Viele Hinweise seien falsch eingeschätzt worden.

Werner van Bebber
Kröber
Hans-Ludwig Kröber, Forensiker der Charité -Foto: imago

Der Tod der fünf Kinder in Darry hätte vielleicht verhindert werden können, wenn die mutmaßliche Täterin rechtzeitig in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden wäre. Das sagt der Direktor des Instituts für forensische Psychiatrie der Charité, Professor Hans-Ludwig Kröber, im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Versäumnisse sieht Kröber vor allem bei der Leiterin des sozialpsychiatrischen Dienstes des Landkreises Plön, Petra Ochel. Sie hatte seit August – aber nur einmal direkt – mit der offenbar schizophrenen Steffi K. zu tun, die ihre fünf Söhne im Wahn am 5. Dezember erstickt haben soll.

Wie riskant es für Kinder sein kann, wenn ein Elternteil einem religiösen Wahn verfallen sei, wisse man aus vielen Fällen, sagte Kröber. Wenn Kinder in diesen Wahn einbezogen würden, sei das „hochgefährlich“.

Falsch eingeschätzt habe der sozialpsychiatrische Dienst außerdem die Hinweis des Ehemanns von Steffi K.: Michael Kitzmuller hatte dieser Zeitung berichtet, er habe dem sozialpsychiatrischen Dienst ein Tonband zur Verfügung gestellt, das deutliche Hinweise auf die Wahnvorstellung seiner Frau gegeben habe. Unklar ist, inwieweit die Behörde Hinweise darauf hatte, dass Steffi K. schon mal an Selbstmord gedacht hatte. Jedenfalls habe Steffi K.s Ehemann offenbar gespürt, dass seine Frau nicht oder nicht mehr berechenbar ist, und sich deshalb an die Behörden gewandt, sagt Kröber.

Seiner Meinung nach hätte der sozialpsychiatrische Dienst rascher und strenger reagieren müssen: Er hätte versuchen müssen, Steffi K. für zwei Wochen in eine psychiatrische Klinik einzuweisen – auch gegen ihren Willen.

"Alle Alarmglocken hätten läuten müssen"

„Vielleicht hätte die Möglichkeit bestanden, die Tötung der Kinder zu verhindern, wenn man Steffi K. für vierzehn Tage zwangsweise untergebracht hätte“, sagt der Psychiater, der in vielen Prozessen Mörder und andere Gewalttäter gerichtlich begutachtet hat. „Vielleicht hätte sie sich danach sogar freiwillig behandeln lassen.“ Petra Ochel, die Leiterin des sozialpsychiatrischen Dienstes im Landkreis Plön, hat in Kröbers Augen „nicht begriffen“, dass alle Alarmglocken hätten läuten müssen, als sie Steffi K. zu Hause in Darry besuchte: Eine Wahnkranke, die fünf kleine Kinder erzieht und für sie verantwortlich ist – „da besteht immer das Risiko, dass die Kinder einbezogen werden.“ Und dass Wahnkranke gegenüber Ämtern und Psychiatern ihre Krankheit zu verbergen versuchten – „das weiß ein sozialpsychiatrischer Dienst“, sagt Kröber. In der Erklärung des Kreises Plön zur „Familientragödie“ in Darry heißt es, der sozialpsychiatrische Dienst habe „deutliche Hinweise auf eine psychiatrische Erkrankung“ der Frau gehabt – „es wurde aber keine akute Krisensituation festgestellt“. Auch der behandelnde Psychiater habe keinen Anhaltspunkt für eine „zwangsweise Unterbringung“ von Steffi K. gesehen.

Kröber sagt dazu, die Behörde stelle sich hin und sage, sie habe gehandelt wie immer – „und das glaube ich denen auch“: Das bedeutet: Die Behörde habe geprüft, ob die hilfesuchende Frau selbstmordgefährdet sei und dies verneint. Doch die „spezifische Gefahr“, die in der Konstellation „Psychosekranke mit Kindern“ lag, habe der sozialpsychiatrische Dienst „nicht richtig realisiert“. Das bestätigt die Erklärung des Kreises Plön indirekt. Darin sind die verschiedenen Kontakte zwischen der Behörde und der Familie erwähnt. Noch Anfang Oktober, so heißt es in der Erklärung, „ergaben sich keinerlei Hinweise auf eine akute Krisensituation. Die Frau wies auf eine frühere Depression hin, schilderte aber, dass sie sich jetzt wohler fühle.“

An dieser Bewertung zeigt sich für Kröber ein Grundproblem der Psychiatrie: Es gebe eine „große Hemmung gegenüber Zwangseinweisungen“. Dabei sei es sinnlos, die Psychiatrie als etwas „Sanftes und Nettes“ darzustellen, das mit Gewalt nichts zu tun habe.

In den Maßregelvollzugsanstalten, in die psychisch kranke Straftäter eingewiesen werden, sitzen laut Kröber deutschlandweit 2500 bis 3000 Schizophrene. Die meisten hätten schwere Gewalttaten begangen. Bei all diesen Tätern beweise die Tat das, worauf es vor der Tat oft Hinweise gab – ihre Gewaltbereitschaft. Gehe man davon aus, dass 800 000 Menschen in Deutschland an Schizophrenie leiden, sei dies vielleicht kein gravierendes Problem. Doch der Umgang mit dem Problem sei „nicht den heutigen Möglichkeiten angemessen.“

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