Fall Kampusch : Entführer legte bei Freund Geständnis ab

Der Kidnapper der Österreicherin Natascha Kampusch soll kurz vor seinem Tod die Tat seinem Freund Ernst H. mitgeteilt haben. Ihm droht nun eine Anklage wegen Beihilfe zum Selbstmord.

Gegen den Freund des Entführers, Ernst H., wird inzwischen ermittelt. Bei seiner Vernehmung habe er gesagt, dass Wolfgang Priklopil wenige Stunden vor seinem Selbstmord bei ihm eine Art Lebensbeichte abgelegt hatte, in der er die Entführung gestand. Nähere Details wollte sein Anwalt Manfred Ainedter nicht bekannt geben.

Sein Mandant habe den Suizid Priklopils nicht verhindern können. Das lange Schweigen von Ernst H. erklärte sein Anwalt mit der Angst, "mit hineingezogen zu werden". Ihm drohe nun möglicherweise eine Anklage wegen Beihilfe zum Selbstmord.

Ernst H. war selbst vor einigen Tagen als möglicher Mittäter ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten, die den Fall nach Ermittlungspannen neu aufrollt. "Es besteht der Verdacht, dass er an der Entführung beteiligt war", sagte der Erste Oberstaatsanwalt Thomas Mühlbacher vor etwa einer Woche. Der Anwalt von Ernst H. geht hingegen davon aus, dass das Verfahren eingestellt wird.

Das heute 21-jährige Entführungsopfer, Natascha Kampusch, bekräftigte in einem am Montagabend vom ORF ausgestrahlten Interview jedoch die Einzeltäter-Theorie und wandte sich gegen Spekulationen zu der Geschichte.

Ob Ernst H. als Mittäter infrage komme, könne sie so nicht beantworten, sagte Kampusch selbst: "Ich habe ihn nie als Täter wahrgenommen." Außerdem habe sie ihn erst gegen Ende ihrer Gefangenschaft im Jahr 2006 kennengelernt und ihm nur einmal die Hand gegeben. Als Täter habe sie immer nur ihren Entführer Wolfgang Priklopil gesehen: "Da war immer nur ein Täter." Dass die Ermittlungen momentan neu aufgerollt werden, mache Sinn und sei auch in ihrem Interesse. Ob es außerhalb ihrer Kenntnis noch Mittäter gegeben hätte, werde wohl nie ganz geklärt werden.

Wolfgang Priklopil hatte 1998 die damals zehnjährige Kampusch auf dem Schulweg entführt und achteinhalb Jahre in einem Kellerverlies gefangen gehalten. Im August 2006 gelang ihr aus eigener Kraft die Flucht, ihr Entführer warf sich noch am selben Tag vor einen Zug.

Zu Spekulationen über mögliche Sex-Videos, die ein deutscher Zeuge im Internet gesehen haben will, sagte die 21-Jährige: "Die gibt's nicht." Auch das Gerücht, dass sie erpresst werde, stimme nicht. Vehement wandte sie sich gegen immer wieder auftauchende Mutmaßungen über die Rolle ihrer Mutter: "Meine Mutter würde ihr Kind niemals verkaufen, entführen oder einsperren lassen. Ich finde es unglaublich empörend, dass Menschen so etwas glauben können."

Kampusch war vor einigen Tagen erneut stundenlang von der Staatsanwaltschaft vernommen worden. "Ich bin froh, dass so einige Missverständnisse ausgeräumt werden konnten", sagte die 21-Jährige. Ihre in der Vergangenheit als widersprüchlich bezeichneten Aussagen seien nur Missverständnisse gewesen.

Quelle: ZEIT ONLINE, dpa

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