Fall Lea-Sophie : Opfer der Erstarrung

Politik mit einem toten Kind und völlig hilflosen Eltern: Am Mittwoch wird im Schweriner Prozess um den Hungertod der kleinen Lea-Sophie das Urteil gefällt.

Andreas Frost
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Lea-Sophies Mutter -Foto: dpa

SchwerinImmer wenn Nicole G. (24) in Handschellen in den Saal geführt wurde, umarmte Norbert G. (58) seine Adoptivtochter kurz und demonstrierte familiäre Nähe. Danach setzte sich die 24-jährige Angeklagte aufrecht zwischen ihre Anwälte, zupfte den Kragen ihrer rosa Jacke gerade und blickte leer in den Gerichtssaal. Ihren mitangeklagten bisherigen Lebensgefährten Stefan T. (26), der mit stets gesenktem Kopf drei Sessel links von ihr kauerte, würdigte sie keines Blickes.

Unter den Zuschauern im Schwurgerichtssaal des Schweriner Landgerichts verfolgte Norbert G. Tag für Tag den Prozess um den Hungertod seiner Enkelin Lea-Sophie (5) im November 2007 – und musste sich schwere Vorwürfe anhören. Norbert G. und seine Frau Astrid hätten Nicole G. und Stefan T. „belagert“, so Staatsanwalt Wulf Kollorz. Sie hätten sich „penetrant eingemischt“, behauptete Stefan T.s Verteidiger Matthias Macht, wodurch Lea-Sophies Eltern sich bedrängt, gekränkt und letztlich erstarrt fühlten, als sie eigentlich Hilfe für ihre Tochter holen mussten. Dabei war es Norbert G., der mit einer vagen Ahnung und in Sorge um seine Enkelin ein Jahr vor deren Tod mehrfach erfolglos um Hilfe beim Schweriner Jugendamt nachsuchte. Der Fall säte viel Zwietracht in der Stadt. Die Schweriner nahmen von der Stadtvertretung erkannte Mängel im Jugendamt zum Anlass, Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) abzuwählen.

Ohne Grund, wie Staatsanwalt Kollorz im Prozess sagte. Mit unbewiesenen Behauptungen über den angeblich schlechten Zustand Lea-Sophies habe Norbert G. Gehör bei Stadtparlamentariern gefunden, die „mit einer Kinderleiche Kommunalpolitik“ machten, sagte Kollorz. Wie geht das zusammen? Ein offensichtlich vernachlässigtes Kind ist verhungert. Wie kann da der frühzeitige Alarm beim Jugendamt falsch gewesen sein? „Wir waren keine schlechten Eltern, das wollten wir doch allen beweisen“, sagte der Vater. „Das ist vielleicht, was uns gelähmt hat.“ „Ich habe erkannt, dass sie sterben könnte“, räumte Nicole G. ein. Dabei habe sie eine gute Mutter sein wollen, gerade weil die eigenen Eltern „mich im Stich gelassen haben“ und zur Adoption freigaben.

Bis sieben Wochen vor ihrem Tod war Lea-Sophie wohlbehütet und verwöhnt in dem rosa Kinderzimmer der aufgeräumten Drei-Zimmer-Wohnung ihrer Eltern aufgewachsen. Seit der Geburt ihres Bruders Justin aber räumte sie Schränke aus, zerstörte Spielzeug, machte wieder in die Hose – und weigerte sich standhaft zu essen. Offenbar erfolglos appellierten Nicole G. und Stefan T. eine Zeit lang „an die Vernunft“ der Kleinen, wie der Vater sagte. Dann hofften sie, Lea-Sophie würde schon essen, wenn sie hungrig ist und „dass wir das irgendwie in den Griff bekommen“. Irgendwann müssen die Eltern aufgeben haben. Die Mutter wandte sich dem pflegeleichten Baby Justin zu, „dem ersten Kind, das ich allein großziehen wollte“.

Nicole G. wuchs bei ihrem Onkel Norbert G. und dessen Frau Astrid offenbar derart überbehütet auf, dass sie keine Chance hatte, ihren eigenen Weg zu suchen. Selbst ihren ersten Kontakt zu Stefan T. vermittelten ihr die Adoptiveltern. Nicole G. und Stefan T., beide eher schüchterne Einzelgänger, verstanden sich auf Anhieb. Wenige Wochen später war Nicole schwanger. Weil die damals 18-Jährige noch Bürokauffrau lernte, blieb Lea-Sophie die ersten zwei Jahre bei den Großeltern. Nachdem Nicole G. ihre Tochter zu sich holte, mussten sie und ihr Partner ständig Sticheleien und Erziehungsratschläge für Lea-Sophie von Norbert und Astrid G. anhören. Besonders Astrid G. soll Stefan T.s Rolle als Vater untergraben haben. Er hegte den Verdacht, sie wolle Lea-Sophie für sich haben.

Als Nicole G. und Stefan T. erfuhren, dass Norbert G. beim Jugendamt war, fühlten sie sich grundlos angeschwärzt und kapselten sich in ihrer Wohnung mehr und mehr ab. Es sollte „ein bisschen Kontrolle und Richtung rein in die Familie“, begründete Norbert G. seine Suche nach amtlicher Hilfe. Der Großvater räumte ein: „Je mehr ich gedrängelt und gepredigt habe, desto mehr haben sich Nicole und Stefan zurückgezogen.“ Die jungen Eltern empfanden jegliche Hilfe inzwischen als Kränkung, sagte der Psychiater Klaus Frerk. Als der Verfall ihrer Tochter unübersehbar wurde, holten Nicole G. und Stefan T. möglicherweise keine Hilfe, weil sie sich für ihr Versagen schämten und weil sie Angst hatten, dass ihnen die Kinder weggenommen werden.

Die Staatsanwaltschaft beantragte wegen Mordes durch Unterlassen 13 Jahre Haft für die Eltern. Die Verteidiger halten maximal acht Jahre Haft wegen Totschlags durch Unterlassung für angemessen.

Am Mittwoch wird das Urteil gefällt.

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