Fall Madeleine : Ein Fall von offenen Fragen

Die meisten Informationen zu Maddies Verschwinden beruhen auf Spekulationen. Viele Fragen sind offen in dem immer mysteriöser werdenden Fall.

Ralph Schulze[Madrid]

Das Verschwinden der kleinen Madeleine bleibt rätselhaft. In stundenlangen Verhören der letzten Tage im Kommissariat in der südportugiesischen Stadt Portimao sind Maddies Eltern, Kate und Gerry McCann, von den Ermittlern mit der Vermutung konfrontiert worden, dass sie über das Schicksal der heute vierjährigen Maddie mehr wissen, als sie bisher zugaben. Nach Kate wurde deshalb nun auch Gerry von Portugals Kripo formal zu einem „Verdächtigen“ erklärt. Was auf den ersten Blick wie eine entscheidende Wende des Falls erscheint, wirft viele Fragen auf.

Was bedeutet die Bezeichnung „Verdächtiger“ in Portugal?

Die portugiesischen Behörden sind offenbar der Auffassung, dass die McCanns etwas verbergen und selbst etwas mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun haben könnten. Eine Beschuldigung oder Anklage ist damit jedoch nicht automatisch verbundenen. „Verdächtige“ haben in Portugal das Recht auf einen Anwalt im Verhör und auf Aussageverweigerung. „Zeugen“, als welche Kate und Gerry McCann bisher galten, hingegen nicht. Einige besonders heikle Fragen dürfen die Ermittler erst stellen, wenn der oder die Befragte offiziell zum „Verdächtigen“ erklärt worden ist.

Wie viele offizielle „Verdächtige“ gibt es im Fall Madeleine?

Zusammen mit den McCanns sind nun drei Personen als „Verdächtige“ eingestuft. Gleich am Anfang war der Brite Robert Murat (33) von der Polizei verdächtigt worden. Er wohnt neben der Ferienanlage in dem Algarve-Dorf Praia da Luz, aus dem Maddie verschwand. Drei Monate lang wurden sein Leben und sein Haus nach Spuren durchkämmt, gefunden hat man jedoch nichts. Von der britischen wie portugiesischen Öffentlichkeit war Murat dennoch bereits als Kinderschänder abgestempelt worden.

Welche Spuren gibt es hinsichtlich einer Verwicklung von Madeleines Eltern in die mutmaßliche Tat?

Offiziell bekannt und bestätigt ist nur eines: Im Ferienappartement der McCanns wurden winzige Blutspuren gefunden, deren Untersuchung in einem britischen Labor immer noch nicht abgeschlossen ist. Ob diese mikroskopischen DNA-Spuren von Madeleine stammen, hat die Polizei bisher nicht gesagt. Die meisten Informationen, die öffentlich wurden, etwa über Leichengeruch im Appartement, verdächtige E-Mails der Eltern oder die Verabreichung von Schlafmitteln an Madeleine, sind Spekulationen. Sie werden vor allem von portugiesischen und britischen Medien unter Berufung auf die Ermittlungsbehörden verbreitet. Da die Polizei offiziell dazu keine Kommentare abgibt, lassen sich diese Informationen nicht überprüfen und sind mit Vorsicht zu genießen. Die Justiz begründet ihre Schweigsamkeit mit dem in Portugal geltenden strikten Ermittlungsgeheimnis.

Welche Erklärungen gibt es sonst noch für das Verschwinden Madeleines?

Zu Beginn der Ermittlungen bezeichnete die Polizei eine Entführung, etwa durch eine internationale Pädophilenbande, als möglich. Doch für diesen Verdacht fand man anscheinend bisher keine Indizien. Genauso wenig für die Hypothese, dass die damals dreijährige Madeleine einfach aus der Ferienwohnung am Meer weglief und verunglückte, während ihre Eltern in einem nahen Restaurant beim Abendessen saßen. Ob sich die dritte und derzeit im Vordergrund stehende Möglichkeit, ein Tötungsdelikt im Ferienappartement, halten lässt, muss sich allerdings erst noch erweisen.