Fall Marco : Auch Charlotte will schnelleren Prozess

Marco bleibt in Haft, hat der Richter entschieden – es ist die Bürokratie, die den Fall in die Länge zieht. Seit Ostern sitzt der Junge nun schon in Untersuchungshaft.

Susanne Güsten
Marco
Marcos Eltern (im Bild mit ihren beiden Anwälten) müssen weiter bangen. -Foto: AFP

IstanbulSie hat den Gerichtssaal in Antalya noch nie betreten, und doch ist sie im Justiz-Drama um den deutschen Schüler Marco in dem südtürkischen Urlaubsort so etwas wie die Hauptperson: die 13-jährige Charlotte aus Manchester, die nach Überzeugung der Anklage im April in einem Hotel in Side bei Antalya von Marco sexuell missbraucht wurde. Das Gericht entschied am vierten Verhandlungstag am Donnerstag, dass der 17-jährige Marco bis zur Fortsetzung des Prozesses am 28. September weiter in Untersuchungshaft bleiben muss.

Charlotte war auch diesmal nicht zum Prozess nach Antalya gekommen – und doch gab es von ihr erstmals Signale, die einen relativ baldigen Abschluss des Verfahrens erwarten lassen. Schon im Frühjahr hatten die türkischen Behörden bei ihren britischen Kollegen beantragt, die in Manchester lebende Charlotte zu vernehmen. Bisher ist das wegen des langsamen bürokratischen Verfahrens zwischen den beteiligten Ministerien und Behörden in der Türkei und Großbritannien nicht geschehen: Ministerien, Justizbehörden und die Polizei in zwei Ländern müssen beantragen, übersetzen, anweisen, zustimmen und abstempeln. Und dann alles zurückübersetzen, überstellen, bestätigen und prüfen.

Charlottes türkischer Anwalt Ömer Aycan hofft aber, dass die Aussage des mutmaßlichen Opfers bis zum 28. September vorliegen wird. Auch dem Mädchen und ihrer Familie sei daran gelegen, den Prozess jetzt möglichst schnell zu beenden, sagte Aycan. „Sie wollen ihr normales Leben zurück“, sagte er über die britische Familie.

Ein Urteil ist am 28. September trotzdem noch nicht zu erwarten. Charlottes fehlende Aussage ist nicht der einzige ungeklärte Punkt im Fall Marco W. Während die Anklage von sexuellem Missbrauch spricht, sagt Marco, er habe mit Charlotte heftig geschmust, und beide hätten sogar noch mehr gewollt: Sex habe nur wegen eines vorzeitigen Samenergusses nicht funktioniert. Außerdem habe sich Charlotte als 15-jährige ausgegeben.

Ein Mediziner, der Charlotte nach dem schicksalträchtigen Treffen mit dem deutschen Jungen in Side untersucht hatte, hat widersprüchliche Angaben zu Protokoll gegeben. Vor Gericht sagte der Arzt im August, er habe bei Charlotte keine Spuren von Gewaltanwendung oder Geschlechtsverkehr festgestellt. In der schriftlichen Fassung seines Berichts hatte es dagegen nach Angaben von Staatsanwaltschaft und Nebenklage sehr wohl Hinweise darauf gegeben, dass Marco dem Mädchen Gewalt angetan habe. Nun fordert die Anklage die Einsetzung einer Expertenkommission, die diese Widersprüche aufklären soll. Ob das Gericht dem zustimmen wird, ist noch offen.

Marcos Familie war mit großen Hoffnungen und einem neuen Anwaltsteam in den vierten Verhandlungstag gegangen. Drei neue Juristen, darunter der Istanbuler Strafrechtsexperte Mehmet Iplikcioglu, versuchten vor Gericht vor allem, die Haftentlassung ihres Mandanten für die Dauer des Prozesses zu erreichen. Doch Richter Abdullah Yildiz lehnte dies ebenso ab wie alle ähnlichen Anträge im bisherigen Prozessverlauf. Für Yildiz zählen vor allem die schweren Schuldvorwürfe sowie die Fluchtgefahr beim Bundesbürger Marco W.

Deshalb muss der Schüler vorerst weiter im Gefängnis bleiben - wenn der Prozess fortgesetzt wird, wird er fast ein halbes Jahr in U-Haft gesessen haben. "Grob rechtswidrig" sei das, sagte Marcos deutscher Anwalt Michael Nagel. Bei einer Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs muss Marco als Minderjähriger mit zwei bis drei Jahren Haft rechnen. Sollte sich das Gericht der Meinung der Nebenklage anschließen, wonach Marco das 13-jährige Kind sogar vergewaltigt haben soll, müsste er sich auf etwa fünf Jahre einrichten.

Marco und seine Eltern reagierten nach Angaben ihrer Anwälte geschockt auf die Entscheidung des Gerichts, den Angeklagten weiter in Haft zu behalten. Die Familie sei mit der Hoffnung nach Antalya gekommen, zusammen mit ihrem Sohn nach Deutschland zurückkehren zu können. So bleibt ihnen nur der Trost, dass es bis zum nächsten Verhandlungstag nur etwa drei Wochen sind - bisher lagen zwischen den einzelnen Verhandlungen immer mindestens vier Wochen. Ein schwacher Trost für Marco. Aber alles, was er derzeit hat.

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