Fall Marco : Charlotte kommt nicht in die Türkei zum Prozess

Marco hat am Donnerstag seinen vierten Verhandlungstag. Ohne Aussage des Mädchens bleibt er in Haft. Seit fast fünf Monaten sitzt der 17-jährige Realschüler aus Niedersachsen in der Südtürkei in Untersuchungshaft.

Thomas Seibert[Istanbul]
Marco W.
Ohne Charlottes Aussage wird Marco weiter in Untersuchungshaft bleiben müssen. -Foto: ddp

Auch in Antalya neigt sich der Sommer allmählich seinem Ende zu, doch Marco W. wird möglicherweise zumindest einen Teil des Herbstes in der südtürkischen Urlauberstadt hinter Gittern verbringen müssen. Auch beim vierten Verhandlungstag an diesem Donnerstag wird kein Urteil im Prozess gegen den Jugendlichen aus Uelzen erwartet.

Das liegt nicht nur an der Langsamkeit der türkischen Justiz, sondern vor allem daran, dass die Aussage des mutmaßlichen Opfers Charlotte noch nicht beim Gericht eingetroffen ist. Charlotte wird auch nicht persönlich vor Gericht erscheinen, um ihre Version der Ereignisse darzulegen. Nach dem letzten Prozesstag im August war dies noch von der Nebenklage in Aussicht gestellt worden. Ein Brief von Marco an Charlotte, in dem der Junge das Mädchen bat, die Anzeige fallenzulassen, blieb ebenfalls ohne Wirkung. Dennoch dürfte die Forderung lauter werden, Marco für die Dauer des Prozesses auf freien Fuß zu setzen.

Seit fast fünf Monaten sitzt der 17-jährige Realschüler aus Niedersachsen mittlerweile in Antalya in Untersuchungshaft. An den bisherigen drei Verhandlungstagen – jeweils einer im Juni, im Juli und im August – hörte das Gericht den Angeklagten sowie Zeugen und Gutachter an. Von dem britischen Mädchen Charlotte sind bisher dagegen nur Presseberichte über ihre Aussage bei der Polizei bekannt. Die offizielle Stellungnahme der 13-jährigen Schülerin für das Gericht wurde zwar im Rahmen eines Rechtshilfeabkommens von britischen Beamten in der Heimat vom Charlotte in Manchester aufgenommen. Doch das Schriftstück ist nach Angaben aus Justizkreisen bisher nicht in der Türkei angekommen.

So bleibt weiter ungeklärt, was in der fraglichen Nacht im April in jenem Hotel in Side bei Antalya geschah, in dem sich Marco und Charlotte während der Ferien kennengelernt hatten. Laut Marco gab sich Charlotte als 15-Jährige aus. Beide hätten Zärtlichkeiten gewollt und miteinander geschmust; wegen eines vorzeitigen Samenergusses sei es aber nicht zum Geschlechtsverkehr gekommen. Charlotte gab nach Zeitungsberichten bei der Polizei zu Protokoll, Marco habe sich auf sie gelegt, während sie geschlafen habe.

Die Mutter des Mädchens erstattete gegen Marco Anzeige wegen Kindesmissbrauchs; nach türkischen Gesetzen ist jeglicher sexueller Kontakt zu Jungen oder Mädchen unter 15 Jahren verboten. Die Altersgrenze in Deutschland liegt bei 14 Jahren.

Unklar ist, ob Richter Abullah Yildiz den jungen Angeklagten auf freien Fuß setzen wird. Bisher hatte das Gericht dies abgelehnt und dabei auf die Schwere der Schuldvorwürfe hingewiesen.

Zudem seien die bereits vorliegenden Beweise Anlass zu einem „schwerwiegenden Verdacht einer Schuld“. Je länger Marco wegen der fehlenden Aussage von Charlotte in Untersuchungshaft bleibt, desto größer wird jedoch der Druck auf das Gericht, dem Angeklagten für den Rest des Prozesses die Haft zu ersparen.

Anfang August war Marcos Brief an Charlotte bekannt geworden, in dem der Junge die 13-jährige Britin aufrief, „den zuständigen Behörden zu erzählen, was wirklich passiert ist, und die Anzeige zurückzuziehen“. Er vermisse sein „ganzes Leben“ und wisse nicht, was er falsch gemacht habe, schrieb Marco weiter. Im Gefängnis von Antalya fühle er sich „sehr schlecht“.

In der türkischen Öffentlichkeit spielt der Fall Marco kaum noch eine Rolle. Im Juli hatten Medien, Politiker und Juristen sehr verärgert auf die Forderungen aus Deutschland nach seiner sofortigen Freilassung des niedersächsischen Teenagers reagiert. Eine Zeitung warf den Deutschen damals sogar vor, die Türkei zu behandeln wie eine unmündige „Kolonie“. Diese Aufregung hat sich inzwischen gelegt.

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