Fall Marco W. : "Es gab nur ein Loch im Boden"

"Unter Druck setzen ist sinnlos", sagen zwei Deutsche, die ebenfalls in Antalyas Gefängnis einsaßen. Derweil beschwert sich der türkische Staatsanwalt über die deutsche Haltung im Fall Marco und will eine Nachrichtensperre verhängen.

Gefängnis Antalya
Marcos Gefängnis in Antalya. -Foto: dpa

Würzburg/Istanbul"Albtraum für einen 17-Jährigen", "Deutscher Junge in türkischem Gefängnis", "Nach dem Knutschen in den Knast": Wenn Jörg Schütz (Name geändert) die Schlagzeilen über den Fall Marco liest, beginnt für ihn eine Zeitreise. Der 33-Jährige aus dem unterfränkischen Landkreis Schweinfurt kennt die Verhältnisse im Gefängnis von Antalya. 2002 musste er dort 36 Tage einsitzen, weil er angeblich versucht hatte, türkisches Kulturgut aus dem Land zu schaffen. Dabei hatte er den Steinquader für 18 Euro auf einem Basar gekauft. "Man erkennt ziemlich vieles wieder, auch der Fall des Schülers ist etwas dubios", kommentiert Schütz den Fall. Marco W. habe zudem den gleichen Anwalt in Antalya wie er: Bilal Kalayci.

Am Anfang vermied man "aufs Klo zu gehen"

Was der junge Urlauber jetzt mitmacht, kennt Schütz aus eigener Erfahrung. In der Ausländerzelle D 6, nur wenige Meter neben dem Raum, in dem Marco W. auf seinen Prozess wartet, war er eingepfercht. In einer Zelle, die eigentlich für sechs Personen gedacht war, tummelten sich 17 Leute. Weil nur sechs Betten vorhanden waren, mussten viele auf dem Boden schlafen. "Das war nackter Stein, sah aus wie in einem Rohbau", erinnert er sich. "Es gab kein richtiges Klo, nur ein Loch im Boden. Toilettenpapier war ebenfalls ein Fremdwort. Am Anfang versuchte man, zu vermeiden, aufs Klo zu gehen."

Wasser habe es nur zu bestimmten Zeiten gegeben und wenn, dann nur kaltes. Außer seiner Unterhose, einem T-Shirt und einem Handtuch blieb ihm nichts vom Inhalt seines Rucksackes. Für Teller, Löffel, Glas, Mülltüten, ja sogar Strom für die Zellenbeleuchtung musste der Urlauber bezahlen. "Die beiden Deutschen, welche ebenfalls wegen Antiquitätenschmuggels in der Zelle dabei waren, haben mich die ersten eineinhalb Wochen durchgefüttert", sagt Schütz. Die Zeit vertrieben sich die Inhaftierten mit aus zähem Brot gebastelten Würfeln. "Dabei durften wir uns nicht erwischen lassen, denn Glücksspiel ist ja im Islam verboten", sagt er.

Kakerlaken im Gefängnis

Gerichtshof
Das Gerichtsgebäude in Antalya. -Foto: dpa

Herbert Kluge (Name geändert) aus dem Landkreis Main-Spessart, saß ebenfalls in Antalya 26 Tage wegen Antiquitätenschmuggels ein. Er hatte etwas mehr Glück, die Ausländerzelle D 14 war im April 2002 nur mit sechs Mann belegt. So hatte er immerhin ein Bett für sich. "Aber wenn man die Matratze gesehen hat, ist einem schon übel geworden. Die war wohl so alt wie das Gefängnis selbst", erzählt er. In den Spinden seien Kakerlaken gewesen, die Zustände im Untersuchungsgefängnis, wo er die erste Nacht verbrachte, beschreibt er so: "Die Zelle sah aus wie in einem Western, mit Gitterstäben und Pritschen."

Im Unterschied zu Jörg Schütz hatte Kluge warmes Wasser, wenn auch aus Kanistern und mit einer Kelle geschöpft - weil ein Deutscher, der dort schon länger einsaß, es schaffte, die Wärter zu bestechen. So gab es sogar Fernsehen, einen Kühlschrank und eine Dusche. "Mit Geld bekam man im Gefängnis alles", sagt Kluge. Vorausgesetzt, man war in der Lage, die türkischen Formulare auch in der Landessprache auszufüllen.

Wichtig ist, sich korrekt zu verhalten

Doch Schütz und Kluge bekamen Hilfe von ebenfalls inhaftierten Deutschen, Marco W. ist als einziger Deutscher in der Ausländerzelle. "Das war ja schon so ein Albtraum. Wie ich das als 17-Jähriger verkraftet hätte, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen", sagt Jörg Schütz.

Marco W.
Marco W. in türkischer Haft. -Foto: dpa

Mit Tipps für Marco W. tut er sich schwer. Wichtig sei, sich absolut korrekt zu verhalten. Das hieße etwa auch, vor dem Richter nicht die Beine übereinander zu schlagen, die Arme nicht vor der Brust zu kreuzen und ihm nicht ins Gesicht zu sehen. Er wisse nicht, ob der Rummel um Marco jetzt der Freilassung so dienlich sei. Ganz sicher ist sich da seine Mutter: "Die Familie würde ihrem Sohn glaube ich mehr Gutes tun, wenn sie erst einmal still wäre. Das verschärft den Fall nur noch", sagt Helga Schütz. Ähnlich sieht das Herbert Kluge. "Was ihm jetzt mehr hilft, ist absolute Freundlichkeit, Höflichkeit und Geduld, Geduld, Geduld."

Staatsanwalt beschwert sich über deutsche Haltung

Währenddessen hat der Staatsanwalt im südtürkischen Antalya den Umgang der deutschen Behörden und Medien mit dem Fall Marco W. scharf kritisiert. Wenn deutsche Regierungsstellen das türkische Außenministerium zur Freilassung des Teenagers aus Niedersachsen aufforderten, dann sei das eine "Taktlosigkeit", sagte Oberstaatsanwalt Osman Vuraloglu nach türkischen Presseberichten. Vuraloglu stellte die Frage, was die deutschen Behörden wohl sagen würden, wenn sich die türkischen Behörden in einem ähnlichen Fall mit solchen Forderungen zu Wort melden würden. Die Türkei sei schließlich ein Rechtsstaat.

Journalisten
Journalisten vor Ort in Antalya. -Foto: dpa

Das Großaufgebot deutscher Fernsehjournalisten vor dem Gefängnis, in dem Marco W. in Untersuchungshaft sitzt, bewerte er als Versuch, den Prozess gegen den 17-jährigen zu beeinflussen, sagte der Staatsanwalt weiter. Er werde Gegenmaßnahmen ergreifen und eine Nachrichtensperre verhängen. Marco W. sitzt seit Mitte April in Antalya ein, ihm wird sexueller Missbrauch eines 13-jährigen britischen Mädchens vorgeworfen. Sein Prozess wird am Freitag kommender Woche fortgesetzt. Bei einer Verurteilung drohen ihm acht Jahre Haft, die er vermutlich zum Teil in Deutschland absitzen könnte.

Die Mutter des mutmaßlichen Opfers von Marco, die im April die Strafanzeige gegen den Schüler gestellt hatte, will sich zu dem Fall selbst offenbar nicht öffentlich äußern. "Wir sind sehr traurig", sagte Heather M. der türkischen Zeitung "Hürriyet". Mehr wolle sie nicht sagen. Das Blatt zitierte einen Vertreter des Reiseveranstalters Thomas Cook, mit dem die britische Familie nach Antalya geflogen war, mit den Worten, die Familie M. stehe unter Schock. Wegen der Berichterstattung der deutschen Medien wolle sie nicht einmal mehr vor die Tür gehen. (mit AFP, ddp)