Fall Marco W. : Protokoll der Widersprüche

Marco W. wird Weihnachten vermutlich im türkischen Gefängnis verbringen. Die Aussagen des mutmaßlichen Opfers werfen Fragen auf. Ihr Anwalt will sich derzeit nicht dazu äußern.

Thomas Seibert
Marco
Marco W. aus Uelzen. -Foto: dpa

IstanbulMarco Weiss muss sich darauf einrichten, nach bisher siebenmonatiger Untersuchungshaft auch noch Weihnachten und Neujahr im Gefängnis der südtürkischen Stadt Antalya zu verbringen. Der Missbrauchsprozess gegen den Realschüler aus Niedersachsen vor dem Schwurgericht in Antalya kommt nicht voran. Marcos türkischer Anwalt Mehmet Iplikcioglu sprach am Montag von einer „sonderbaren Lage“. Der nächste Verhandlungstag kommende Woche soll von einem Richter geleitet werden, der sich eigentlich aus dem Prozess zurückziehen will, das aber nicht darf.

Offen ist auch, wie sich die Aussagen von Charlotte, dem mutmaßlichen Opfer, auf das Verfahren auswirken werden. Ein rasches Urteil in dem Prozess dürfte kaum zu erwarten sein. Charlottes türkischer Anwalt Ömer Aycan rechnet damit, dass die Entscheidung erst im kommenden Jahr fallen wird.

Marcos Anwalt Iplikcioglu hatte nach dem letzten Verhandlungstag Ende Oktober einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Abdullah Yildiz gestellt. Zur Begründung verwies er darauf, dass Yildiz den Angeklagten in offiziellen Dokumenten als Schuldigen hingestellt habe, obwohl es noch kein Urteil gibt. Der Befangenheitsantrag wurde von einer anderen Kammer des Schwurgerichts zurückgewiesen, doch Yildiz beantragte von sich aus die Entbindung von dem Verfahren. Dies wurde aber jetzt ebenfalls abgelehnt. Deshalb geht das Verfahren aller Voraussicht nach wie geplant am 20. November weiter.

Dabei wird es vor allem um die nach monatelanger Verzögerung in der Türkei eingetroffene Aussage des mutmaßlichen Missbrauchsopfers Charlotte gehen. Die per Video in der britischen Heimat des Mädchens aufgezeichneten Berichte von Charlotte dürften aber allein kaum ausreichen, um endgültig Klarheit darüber zu schaffen, was sich in der fraglichen Aprilnacht im Hotel „Voyage Sorgun Select“ in Side bei Antalya abspielte.

Nach einem Bericht des „Spiegel“ sagte Charlotte laut Vernehmungsprotokoll aus, sie hätte den Abend des 11. April mit ihrer Schwester Anne und der Freundin Megan in der Diskothek des Hotels verbracht; anschließend gingen sie in das Zimmer des Mädchens. Sie hatten schon am Abend zuvor Marco und einige Freunde kennengelernt. Wenig später ließen die Mädchen Marco und einen Freund ins Zimmer. Marcos Freund Sascha und Charlottes Schwester Anne gingen auf den Balkon hinaus und schlossen die Tür, wie Charlotte aussagte. Sie selbst, ihre Freundin Megan und Marco blieben auf dem Hotelbett zurück. Nach wenigen Minuten schliefen beide Mädchen ein. Wie lange Charlotte schlief, ist unklar. Den britischen Beamten sagte sie laut „Spiegel“, sie sei von einem Schmerz geweckt worden, den sie im Innern ihres Unterleibs gespürt habe. Marco – so sagte Charlotte – hatte ihr Schlafanzughose und Unterhose heruntergezogen und sei halb auf ihr gelegen. Sie will Marco daraufhin „wirklich hart“ mit der Hand geschlagen, „ziemlich laut“ beschimpft und weggestoßen haben.

Am nächsten Morgen ließ sich Charlotte ärztlich untersuchen, und ihre Mutter stellte Strafanzeige gegen Marco. Charlotte sagt in der Vernehmung, die Anzeige sei nicht ihre Entscheidung gewesen, sondern die Entscheidung der Mutter. Kurz darauf wurde der Schüler, der an diesem Tag eigentlich die Heimreise antreten wollte, von der türkischen Polizei festgenommen. Ein Richter erließ Haftbefehl. Seitdem sitzt Marco in Untersuchungshaft.

Charlottes Aussagen werfen mehrere Fragen auf. Zunächst gibt es zwischen Charlottes Aussagen und denen ihrer Schwester Anne in zwei Punkten im Vorfeld deutliche Unterschiede. Anne sagte aus, in der Nacht zuvor hätten die drei Mädchen Marco und fünf andere Jungs ins Hotelzimmer eingeladen. Charlotte sagt dagegen, sie seien nicht eingeladen worden, sondern hätten unvermittelt angeklopft. Auch über die Länge und die Atmosphäre des Zusammenseins dieser Runde gehen die Angaben von Charlotte und Anne auseinander. Laut Charlotte sind die Jungs nach etwa einer halben Stunde gegangen, laut Anne war es ein lustiger Abend, Marco und Sascha gingen erst nach Stunden.

Fragen zur Tatnacht drängen sich auf. Warum schliefen die beiden Mädchen ein, während der Junge noch im Zimmer war? Und warum wurde Charlottes Freundin, die unmittelbar neben Charlotte und Marco auf dem Hotelbett eingeschlafen war, von Charlottes lauten Beschimpfungen nicht wach? Marcos Freund und Charlottes Schwester, die sich auf dem Balkon unterhielten, haben ebenfalls nichts gehört. Charlotte erklärt das damit, dass die verschlossenen Scheiben zum Balkon sehr dick waren.

Auch in einem weiteren, sehr wichtigen Punkt gibt es Unklarheiten. Charlotte sagte aus, sie habe Marco gesagt, sie sei erst 13 Jahre alt. Marco selbst dagegen beharrt darauf, dass sich Charlotte als 15-Jährige ausgegeben habe. Die Frage, wem das Gericht mehr glaubt, könnte für das Urteil entscheidend sein.

Zumindest bis zum nächsten Verhandlungstag am Dienstag kommender Woche ist nicht damit zu rechnen, dass sich die Widersprüche klären. Charlottes Anwalt Aycan wollte sich am Montag nicht zu den durch die Aussagen seiner Mandantin aufgeworfenen Fragen äußern. Dass Charlotte selbst nach Antalya kommt, um vor Gericht ihre Aussagen zu wiederholen und für Nachfragen der Verteidigung zur Verfügung zu stehen, ist laut Aycan unwahrscheinlich: Das Mädchen befinde sich in Großbritannien nach wie vor in psychologischer Behandlung, weil es unter den Folgen der Ereignisse leide. Wie und ob Fragen der Marco-Anwälte an Charlotte weitergeleitet werden können, ist offen. Auf jeden Fall würde das Prozedere Zeit kosten. Für Marcos Anwälte steht zunächst die Forderung nach vorläufiger Freilassung ihres Mandanten im Vordergrund. Sie erwägen auch einen Gang vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg. Dagegen will Charlottes Anwalt Aycan kommende Woche die Fortsetzung der Untersuchungshaft beantragen.

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