Fall Stephanie : Prozess beginnt nächste Woche

Der Strafprozess um die Anfang des Jahres entführte und misshandelte Stephanie beginnt am Montag. Der Angeklagte zeigte sich während der Ermittlungen geständig.

Dresden - Nicht einmal einen Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt musste die Dresdner Schülerin Stephanie Anfang dieses Jahres ein unvorstellbares Martyrium erleiden. Auf dem Weg ins Gymnasium wurde die inzwischen 14-Jährige am Morgen des 11. Januar von einem arbeitslosen Anlagenbauer verschleppt und anschließend wochenlang gefangen gehalten und missbraucht. 36 Tage blieb sie in der Gewalt des Entführers, bis jemand ihre auf einem Zettel notierten Hilferufe neben einem Altpapiercontainer fand. Ab Montag muss sich der mutmaßliche Peiniger des Mädchens vor dem Landgericht in Dresden verantworten.

Bis zu ihrer Befreiung am 15. Februar soll der Angeklagte Mario M. in seiner Drei-Zimmer-Wohnung Stephanie zeitweise geknebelt in einer Kiste gefangen gehalten und sich mehrfach brutal an ihr vergangen haben. Die Taten hat der 36-Jährige zum Teil auf Video aufgezeichnet und somit selbst für umfangreiches Beweismaterial gesorgt.

Dem Angeklagten drohen 15 Jahre und Sicherheitsverwahrung

Dem vorbestraften Kinderschänder werden Geiselnahme, Kindesentziehung, schwerer sexueller Missbrauch und Vergewaltigung zur Last gelegt. Das Beweismaterial reiche für eine Strafe in Nähe der Höchststrafe von 15 Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung aus, sagt der Dresdner Oberstaatsanwalt Christian Avenarius.

"In kaum einem anderen Fall des sexuellen Missbrauchs wurden so lückenlos mehr als 30 Straftaten auf Video dokumentiert", sagte er. Während der Ermittlungen sei M. bereits bei einem Gutachter geständig gewesen. Außerdem habe der Angeklagte angekündigt, auch während der Gerichtsverhandlung seine Taten zu gestehen.

Stephanie muss am 9. November aussagen

Angesichts der klaren Beweislage war es im Vorfeld des Prozesses zum Streit über die Frage gekommen, ob eine Aussage des Opfers vor Gericht notwendig ist. Eine Zeugenvernehmung sei "völlig unerheblich" für das einzufordernde Strafmaß, argumentierte Oberstaatsanwalt Avenarius. Die Staatsanwaltschaft Dresden halte eine Befragung Stephanies im Gerichtssaal außerdem für riskant. Zum zweiten Prozesstag am 9. November haben die Richter der Jugendschutzkammer das Mädchen in den Zeugenstand geladen.

Sollten alle Details noch einmal zur Sprache kommen, sei es möglich, dass das Mädchen noch Monate oder Jahre traumatisiert bleibe, erklärte Avenarius. Zum Schutz des Opfers hatte die Staatsanwaltschaft eine vom juristischen Beistand der Familie eingeforderte zweite Vernehmung Stephanies bei den Ermittlungen immer wieder abgelehnt.

Mehr als hundert Vergewaltigungen

Die Ermittlungsbehörden hätten seit der Befreiung viel Mühe darauf verwandt, intime Details des Verbrechens zurückzuhalten. "Das Kind in die Öffentlichkeit zu ziehen, ist das Falscheste, was man machen kann", betonte Avenarius. Er verwies dabei auf das wahrscheinlich große mediale Interesse wie im Falle des österreichischen Entführungsopfers Natascha Kampusch. Nach ihrer Befreiung hatte sich auch Stephanie wie die 18-jährige Österreicherin Interviewfragen gestellt, wobei Einzelheiten der mehr als hundert Vergewaltigungen veröffentlicht wurden.

Konfliktstoff birgt der Fall Stephanie wegen angeblichen behördlichen Versagens. Der Anwalt von Stephanies Familie, Ulrich von Jeinsen, will den Freistaat Sachsen auf Schmerzensgeld und Heilbehandlungskosten von gut einer Million Euro verklagen. Er mache Fahndungspannen der Polizei dafür verantwortlich, dass Stephanie nicht früher aus der Gewalt ihres Entführers frei kam, sagte Jeinsens Mitarbeiter Thomas Kämmer.

Interne Ermittlungsfehler

Stephanie selbst hatte die Polizei auf die Spur des mutmaßlichen Täters lenken können, weil sie nachts bei Spaziergängen Zettel mit Hilferufen fallen ließ. Die Polizei hatte nach der Befreiung interne Ermittlungsfehler eingeräumt. Weil Stephanies Peiniger noch in einer anderen polizeilichen Straftäterdatei geführt wurde, gehörte er nicht zu den verurteilten Sexualstraftätern, die bei der Fahndung überprüft wurden.

Auf den Prozess bereitet sich Stephanie laut Kämmer zusammen mit ihrer Familie und mit Hilfe von Therapeuten vor. Der Prozess wird voraussichtlich weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Zunächst sind bis zum 14. Dezember neun Verhandlungstage eingeplant. (Von Sandra Hänel, ddp)

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