Fall Stephanie : Psychologin gerät in die Kritik

Mit weiteren Zeugenvernehmungen ist der Prozess im Fall Stephanie vor dem Landgericht in Dresden fortgesetzt worden. Dabei haben Verteidigung und Gutachter die Kompetenz der Psychologin des Mädchens in Frage gestellt.

Dresden - Der Beweiswert der Aussage der Psychologin über die Leiden der 14-Jährigen durch die Tat sei für eine Belastung des Angeklagten nicht besonders hoch, sagte der Verteidiger von Mario M. vor dem Landgericht Dresden. "Man könnte berechtigte Zweifel äußern, dass Stephanie eine seriöse Beratung bekommen hat", fügte er hinzu. Auch ein Gerichtsgutachter hegte Bedenken gegen die Arbeit der Psychologin. Diese wies die Kritik in einem heftigen Wortgefecht mit dem Gutachter zurück.

Stephanies Psychologin hatte zunächst ausgesagt, dass zu dem Betreuerteam der 14-Jährigen noch zwei Juristen gehören. Der psychologische Gutachter des Angeklagten warf dabei die Frage auf, ob diese über eine ausreichende Qualifikation im Umgang mit traumatisierten Kindern verfügten.

Beurteilung über das Telefon

Laut Psychologin besteht der Kontakt mit Stephanie vor allem per Telefon. Sie habe das Mädchen das erste Mal persönlich bei der Aufzeichnung eines Interviews für die ZDF-Sendung "Johannes B. Kerner" getroffen. Zuvor habe es lediglich Telefonate gegeben. In einem Attest hatte sie über den psychischen Zustand des Mädchens vor dem Prozess geschrieben, dass Stephanie versuche, den Alltag einer normalen Jugendlichen zu leben.

Nach Auffassung der Verteidigung ist es bemerkenswert, dass es keine ausreichende Arbeit gegeben habe, Stephanie ihre Ängste zu nehmen. So sei ihr nicht mitgeteilt worden, dass ihr Peiniger vorgehabt habe, ein Geständnis abzulegen und ihr die Aussage zu ersparen. "Die Ängste waren damals nicht dominierend", entgegnete die Psychologin. Dies habe sich erst mit dem Ausreißversuch von M. auf das Gefängnisdach geändert. In dessen Folge sei Stephanie aus Angst vor dem Angeklagten nicht mehr zu ihrer ursprünglich geplanten Aussage vor Gericht in der Lage gewesen.

Stephanies Eltern rangen um Fassung

Dem Mädchen geht es der Psychologin zufolge derzeit den Umständen entsprechend gut. Es bestehe aber die Gefahr, dass Stephanie künftig unter sexuellen Störungen leiden werde. Durch die erlebte "körperliche und seelische Folter" könnten vor allem spätere Kontakte zu Männern mit Misshandlung und Todesangst verbunden sein. Stephanies Eltern, die am Mittwoch zum ersten Mal gemeinsam an der Verhandlung teilnahmen, rangen bei der Schilderung der Psychologin sichtlich um Fassung.

Am Mittwoch war auch die Mutter der zwölfjährigen Tochter des Angeklagten unter Ausschluss vernommen worden. Zuvor hatten eine Psychologin und ein Mediziner zum Zustand des Mädchens nach der Befreiung sowie zum Gesundheitszustand des Angeklagten nach der Festnahme ausgesagt. Am Nachmittag sollten zudem noch zwei seiner Ex-Freundinnen in den Zeugenstand gerufen werden. Auch ihre Vernehmung war unter Ausschluss der Öffentlichkeit geplant. Am Donnerstag sollen eine weitere Ex-Freundin des Angeklagten, dessen Nachbar sowie ein Polizist aussagen.

Mario M. muss sich seit dem 6. November wegen Vergewaltigung, Geiselnahme, Kindesentziehung und schweren sexuellen Missbrauchs vor Gericht verantworten. Er soll die damals 13 Jahre alte Stephanie im Januar und Februar 36 Tage lang gefangen gehalten und über hundert Mal vergewaltigt haben. Von Sandra Hänel und Alexander Gruber (tso/ddp)

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