Familie : Cosi fan tutte

Früher wäre das wohl eine Oper geworden: Wieder trennt sich ein konservativer Politiker von seiner Frau.

Bernd Matthies
Oettinger
Gehen künftig eigene Wege: Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger mit Frau Inken. -Foto: dpa

Ein weiterer Sieg der 68er auf ihrem langen Marsch durch die moralischen Trutzburgen der Republik? So müssten konservative Kleriker die bemerkenswerte Nachricht werten, dass Baden-Württembergs Ministerpräsident Günter Oettinger und seine Frau Inken künftig getrennte Wegen gehen werden. Überraschend war das nicht mehr, spätestens, seit Inken Oettinger am vergangenen Wochenende 170 Damen der Gesellschaft zum Adventskaffee eingeladen hatte und dann selbst nicht erschienen war.

Ein Alltagsfall an sich, wäre Oettinger nicht einer der wichtigsten CDU-Politiker, und hätten sich nicht in den letzten Jahren die Ehekrisen solcher Politiker gehäuft. Einst schöpfte die Partei ihre Legitimation aus dem Kampf für Normen und Werte des christlich-katholischen Weltbildes, gewann damit sogar Wahlen – heute profitieren ihre wichtigsten Exponenten vom Zerfall eben dieses Weltbildes. Das ist gefährlich für das Profil der Partei, denn so lässt sich kein Kulturkampf mehr führen gegen die angeblich gefährliche Moral- und Sittenlosigkeit einer von den 68-er Idealen bestimmten Linken. Die Dämme gegen libertären Hedonismus und Zerfall der Familie, die die konservative Moralelite noch immer aufrecht zu halten sucht, sind längst geborsten.

Immerhin enthält der Bruch der Oettinger-Ehe offenbar kein weiteres Skandalpotenzial, anders als beispielsweise der Fall Seehofer: Der Verbraucherschutzminister schwankte ein halbes Jahr lang zwischen seiner Frau Karin und der Geliebten, die bereits ein Kind erwartete, bevor er sich für seine Frau entschied.

Erst im letzten Jahr verkündete niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff die Trennung von seiner Frau Christine, mit der er 24 Jahre zusammen war, und präsentierte sogleich seine neue Lebensgefährtin Bettina Körner. Gabriele Pauli, die Fürther Landrätin, sollte mit erfundenen Gerüchten über ihren Lebenswandel diskreditiert werden – doch was sie in der Folge selbst über sich wissen ließ, entsprach auch nicht in allen Details dem Leitbild einer christsozialen Spitzenpolitikerin.

Begonnen hatte die öffentliche Ehe-Erosion der bayerischen Staatspartei 1993 mit Theo Waigel, der seine Ehefrau verließ und eine Liaison mit der ehemaligen Skirennläuferin Irene Epple einging. Genauer: Der Fall Waigel war der erste, der in der Öffentlichkeit lang und breit behandelt wurde, weil hier erstmals mit Indiskretionen aus dem Intimleben Politik gemacht wurde. Edmund Stoibers Staatskanzlei hatte Details durchsickern lassen, um Waigel als Parteichef zu diskreditieren. Die CSU-Landtagsfraktion ließ ihn wenig später fallen – und wählte Stoiber, den Mustergatten und zweifachen Familienvater. Wenn man so will: Ein letzter Sieg der konservativen Morallehre auf süddeutschem Boden, allerdings um den Preis, dass das bislang sorgsam abgeschirmte Private nun in jedem neuen Fall unerbittlich in die Öffentlichkeit gezerrt wurde.

Kaum noch vorstellbar, wie einst Konrad Adenauer reagierte, als man ihn nach der angeblichen Homosexualität seines Außenministers Brentano fragte: „Was wollen Sie denn“, sagte er, „bei mir hat er es jedenfalls noch nicht versucht.“ Damit war die Sache für die Presse erledigt - heute müssen homosexuelle Politiker zwar in keiner Partei mit dem Verlust von Amt und Macht rechnen, sind aber wie Klaus Wowereit (SPD) oder der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sehr darauf bedacht, eventuellen unliebsamen Veröffentlichungen durch eigene Bekenntnisse zuvorzukommen.

Urvater des christsozialen Spagats zwischen lockerem Leben und strammer Moral war zweifellos Franz-Josef Strauß, für den als Urbild des bajuwarischen Mannsbilds ohnehin Sonderregeln zu gelten schienen. Als ihm zwei Prostituierte in New York die Brieftasche raubten, wurde das zwar bekannt, aber Recherchen blieben völlig aus; heute würden die Täterinnen vermutlich von Talkshow zu Talkshow gereicht.

Es ist anzunehmen, dass Günter Oettinger und seine Frau zum Zerfall ihrer Ehe noch das eine oder andere öffentlich sagen werden. Was es aber auch ist – es wird das Zerbröseln des hohen C der Christenpartei kaum aufhalten können.

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