Familien in Not : Zum Wohle des Kindes

Wenn Eltern überfordert sind, müssen die Behörden eingreifen. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt?

Verena Friederike Hasel
Mutter und Kind Foto: photothek
Viele Eltern fühlen sich der Erziehung ihrer Kinder nicht mehr gewachsen - und Jugendämter müssen immer öfter einschreiten. -Foto: photothek

Berlin - Der kleine Malte, acht Jahre alt, ist erprobt in Selbstorganisation. Seit dem ersten Schuljahr steht er alleine auf. Seine Mutter, die nächtelang im Internet surft, holt den verlorenen Schlaf morgens nach. Ein Pausenbrot hat ihr Sohn nur, wenn er selbst daran denkt, die Kleidung sucht er sich ebenfalls allein heraus. Kommt er aus der Schule heim, schläft seine Mutter meist noch.

In Wirklichkeit hat Malte einen anderen Namen, seine Geschichte aber ist wahr. Vor kurzem hat ihn ein Berliner Jugendamt in Obhut genommen. Das bedeutet, dass ein Kind kurzfristig, als Erste-Hilfe-Maßnahme, aus seiner Familie herausgenommen wird, zunächst für einige Stunden oder Tage, dann entscheidet das Gericht über das weitere Vorgehen. Rainer Balloff, Gutachter des Familiengerichts, bearbeitet diesen Fall nun. Der Jurist und Psychologe wird entscheiden, ob Malte zurück zu seinen Eltern kann oder bei Pflegeeltern aufwachsen wird.

Den Anstieg der Inobhutnahmen im vergangenen Jahr – bundesweit waren es durchschnittlich 77 jeden Tag – sieht Balloff nicht nur positiv: „Grundsätzlich habe ich rechtsstaatliche Bedenken gegenüber solchen Eingriffen.“ Angesichts der Erfahrungen, die er in seinem Beruf macht, befürwortet er sie jedoch: „Der Inzestfall aus dem österreichischen Amstetten ist nur der Gipfel dessen, was wir täglich erleben.“ Besucht Balloff eine Familie, prüft er, wo das Kind schläft, ob es einen ruhigen Platz für die Hausaufgaben und saubere Kleidung hat und ob es genug zu essen bekommt. Dabei gibt es seiner Meinung nach Warnsignale: „Armut und Alkoholkonsum der Eltern sind treue Begleiter von Vernachlässigung.“

Doch immer wieder wirft die Verquickung von Staat und Familie Probleme auf. Im Fall des zweijährigen Kevin, der 2006 starb, warf man den Behörden vor, nicht rechtzeitig eingegriffen zu haben, im Mai dieses Jahres beschwerten sich Eltern beim Europaparlament über Willkür von Jugendämtern, die ihnen Kinder weggenommen hatten. Das macht deutlich, dass eine Entscheidung, wie dem Kindeswohl – so lautet der juristische Begriff – am besten gedient ist, nicht leicht fällt. Wenn eine Familie die Stromrechnung nicht zahlen konnte und deshalb im Dunkeln lebt – ist das ein Fall fürs Jugendamt? Und kann man Eltern, die sich mit der Erziehung schwer tun, beibringen, gute Eltern zu sein?

Wie verunsichert Väter und Mütter sind, zeigt eine Studie der Uni Wien: Sie untersuchte TV-Sendungen wie „Die Super-Nanny“ und stellte fest, dass es sich bei ihren Zuschauern nicht etwa um Menschen handelt, die sich am Chaos in fremden Familien ergötzen wollen, sondern größtenteils um Frauen unter 30 mit Kind, die sich tatsächlich Hilfe erhoffen. Während Großfamilien früher schon Heranwachsenden Gelegenheit boten, mit Kindern umzugehen, fehlt diese Erfahrung werdenden Eltern heute oft. Der Psychologe Michael Winterhoff, Autor des Buches „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, hat außerdem festgestellt, dass Mütter und Väter ihren Kindern häufig zu wenig Grenzen setzen.

Das ist eine Fertigkeit, die Eva Schmoll, Lehrerin und künftige Schulleiterin der Nikolaus-August-Otto-Oberschule, Eltern beibringen will. Wer sein Kind an der Schule anmeldet, muss sich verpflichten, an zehn Terminen teilzunehmen, bei denen es etwa darum geht, wie man sich verhält, wenn die Tochter abends zu spät nach Hause kommt. Schmolls Antwort lautet: Dann darf sie die Freundin am nächsten Tag eben nicht sehen. Nur muss man eine solche Sanktion vorher ankündigen. Auch sollen Erwachsene für ihr eigenes Glück sorgen. „Der Tank muss voll sein, damit man Kraft für ein Kind hat.“ Gibt es große Probleme mit einem Schüler, setzt sich Schmoll mit Eltern, Psychologen und dem Jugendamt zusammen. „Es gibt Probleme, die können weder Schule noch Eltern allein stemmen“, sagt sie.

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