• Fast 500 Verletzte bei Erdbeben in Nordjapan Das schwerste Beben dieses Jahres verlief heftig, aber überraschend glimpflich – die Region ist nur dünn besiedelt

Welt : Fast 500 Verletzte bei Erdbeben in Nordjapan Das schwerste Beben dieses Jahres verlief heftig, aber überraschend glimpflich – die Region ist nur dünn besiedelt

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(dpa). Die Japaner leben auf einem Pulverfass. Jedes Jahr werden im Land der aufgehenden Sonne Tausende von Erdbeben registriert. Dass es am Freitag auf der Nordinsel Hokkaido trotz der ungeheuren Heftigkeit von 8,0 auf der Richterskala relativ glimpflich ablief, verdanken die Menschen der Beschaffenheit der Region. Es handelte sich zwar um das weltweit stärkste Erdbeben in diesem Jahr, doch es verlief mit fast 500 Verletzten, die meisten leicht, überraschend glimpflich. Ums Leben kam in direktem Zusammenhang mit dem Beben niemand.

Gut eine Stunde nach dem ersten Beben kam es zu einem weiteren Beben der Stärke 7,0, gefolgt von zwei Dutzend Nachbeben. Wegen der Gefahr durch Flutwellen wurden rund 41 000 Menschen in Sicherheit gebracht. In der Stadt Erimo wurden parkende Autos von fast zwei Meter hohen Wellen ins Meer gespült. Am schwersten von den Erschütterungen betroffen waren die Städte Shizunai und Urakawa, wo es zu Rissen an Gebäuden und im Straßenasphalt kam. In der Umgebung von Kushiro, rund 900 Kilometer nordöstlich von Tokio, fiel in 370 000 Haushalten vorübergehend der Strom aus.

Grund dafür war nach Ansicht von Experten zum einen das außergewöhnlich tief gelegene Epizentrum. Zum anderen sei die Region besonders gut auf mögliche Erdbeben vorbereitet. Das mit Wäldern gesegnete Hokkaido ist die am dünnsten besiedelte Region des Landes. Hätte ein Erdbeben gleicher Stärke Japans Millionenmetropolen wie Tokio heimgesucht, wäre es zu einer furchtbaren Katastrophe gekommen. Doch jeder im Lande ahnt: früher oder später passiert es.

Jedes größere Beben ruft in Japan Erinnerungen an die Katastrophe des KantoBebens vom 1. September 1923 wach, als ein Erdstoß der Stärke 7,9 das Gebiet von Tokio erschütterte und die Stadt und Teile der nahen Hafenmetropole Yokohama in Schutt und Asche legte.

Die meisten der über 140 000 Opfer kamen in ihren brennenden Häusern ums Leben. Experten zufolge treten in der Kanto-Region „große Beben“ etwa alle 70 Jahre auf, womit das nächste mehr als überfällig ist. Wenn es heute auch nicht mehr allzu viele Holzhäuser in Tokio gibt und die seit 1981 gebauten Hochhäuser angeblich erdbebensicher sind, so bietet die 13-Millionen-Metropole dennoch Brennbares und Explosives in Hülle und Fülle: Gasleitungen, das Gewirr oberirdischer Stromleitungen, Tankstellen oder Chemielager. Die Sachschäden und Forderungen an Lebensversicherer wären vermutlich so hoch, dass japanische Großkonzerne einen Großteil ihres Kapitals aus dem Ausland abziehen müssten. Die Folge wäre ein weltweiter Finanzschock. Alljährlich werden landesweit Katastrophenschutzübungen am „Erdbebengedenktag“, dem 1. September, abgehalten, allerdings nimmt sie nicht jeder mehr ernst. Als es 1995 im Raum der Hafenstadt Kobe zu der bisher letzten großen Erdbebenkatastrophe in Japan kam, bei der mehr als 6400 Menschen ihr Leben verloren, lebte der Albtraum von einem Beben in Tokio wieder auf. Schlechte Bausubstanz und vor allem das Versagen der Behörden unmittelbar im Anschluss an die Katastrophe hatten damals Beobachtern zufolge für viele unnötige Opfer gesorgt.

Japan hat zwar ein fast lückenloses Mess- und Vorwarnsystem für Erdbeben und Flutwellen errichtet. Verlässliche Prognosen gibt es aber nicht. Die Erkenntnis, dass sich abgesehen von Auswanderung nichts anderes tun lässt, als sich mit der Tatsache abzufinden, auf einem Pulverfass zu leben, hat bei den Japanern zu einer außergewöhnlichen Ausdauer in Krisensituationen geführt. Und so machten sich die Bewohner Hokkaidos am Freitag ans Aufräumen – bis zum nächsten Beben.

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