Welt : "Fast Überall": Schattenkinder

Beate Simon

Wenn Beni, eigentlich Ben Abdallah, mit seinen Geschwistern zur Betriebsweihnachtsfeier seines Vaters eingeladen wurde, war das der Höhepunkt des Jahres, da fühlten sie sich den Franzosen ganz verbunden, "nahe ihrer Sonnenseite". Beni, 15 Jahre, in Lyon geboren, ist Franzose, seine Eltern Algerier. Seine braune Haut fällt auf, die Blicke der anderen verletzen.

Azouz Begag erzählt in seinem Roman vom Rassismus in Frankreich, von der tiefen Sehnsucht, einfach normal sein zu dürfen, so wie andere 15-Jährige, die Weihnachten mit einem Christbaum feiern oder gemeinsam herumziehen. Begag erzählt nicht moralinsauer, sondern mit viel Humor, auch Galgenhumor, Selbstironie und der Fähigkeit zur Distanz, ohne die eigenen Gefühle zu verlieren. Er zeigt einen Jungen im Zwiespalt. Einerseits sucht er ein eigenes Profil, um sich gegenüber den als rückständig erlebten Eltern abzugrenzen. Gleichzeitig hat er Mitleid mit ihnen und fühlt sich solidarisch, weil sie für den Wechsel der Kulturen einen hohen Preis zahlen.

Die Hoffnung der Eltern soll Beni, der Stolz der Familie, einlösen und Abitur machen. Zugleich muss er verschiedene Defizite im Alltag ausgleichen. Beni fühlt sich schnell instrumentalisiert in strukturellen Konflikten, die er nicht angezettelt hat. Es gibt viel Streit in der Immigrantenfamilie, Widersprüche, unüberwindbare Gräben und zugleich einen fraglosen Rückhalt.

Von seiner schwierigen Rolle scheint in der Schule niemand etwas zu bemerken. Dort begegnet man ihm mit Ignoranz. Das beginnt schon damit, dass die Lehrer sich nicht die Mühe machen, seinen Namen richtig auszusprechen. Und wenn er die Grammatikregeln besser kann als seine Mitschüler, wird er als vermeintlich arroganter Ausländer vorgeführt, der die Franzosen beschämt. Leute wie er geraten schnell in Polizeikontrollen, auch wenn sie nur ruhig da sitzen.

Der Junge nimmt die Herausforderungen an und kämpft, dabei verliert er nie den Blick für die Situationskomik und positive Wendungen. Beni sucht sich in der Hochhaussiedlung neue Freunde. Er trifft auf Nick, aber die Freundschaft scheitert an der Mutter, die den Umgang mit einem Araber nicht duldet. Beni sucht weiter und findet einige, die seinen Eltern nicht gefallen würden.

Völlig fasziniert ist er von France, dem blonden Mädchen aus seiner Klasse. Als die Chance ganz nah ist, einen Discoabend mit ihr zu verbringen, fällt wieder eine Schranke. In die Disco wird er nicht eingelassen. Diese Zurückweisung wirkt traumatisch und steht für viele andere. Beni versteht nicht: Er hat Zeugnisse, er ist freundlich, er kann bezahlen. Und trotzdem wird er nicht angenommen.

Im Vorwort erzählt Azouz Begag von seiner eigenen Jugend, vieles in seinen Romanen geht darauf zurück. Solange er den Stift halten kann, so Begag, wird er gegen die Ungerechtigkeit schreiben. Das wird wohl nötig sein.

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