Fast verhungertes Mädchen : Staatsanwalt fordert sechs Jahre Haft

Die Eltern der fast verhungerten Erina aus Bad Mergentheim (Baden-Württemberg) sollen nach dem Willen der Staatsanwaltschaft sechs Jahre ins Gefängnis.

Stuttgart - Sie hätten "gemeinschaftlich und aktiv" zur schweren Körperverletzung ihrer essgestörten Tochter beigetragen, das sagte Staatsanwalt Ulrich Karst in der Verhandlung vor dem Landgericht Stuttgart. Die Verteidigung plädierte auf maximal zwei Jahre Haft auf Bewährung jeweils für Vater und Mutter. Einen konkreten Strafantrag stellte sie nicht. Das Urteil soll voraussichtlich am 24. April fallen.

Die Eltern - die zwei weitere essgestörte Töchter haben - müssen sich in Stuttgart zum zweiten Mal wegen der lebensgefährlichen Unterernährung ihrer heute 17 Jahre alten Tochter Erina verantworten. Das Mädchen ist nun schwer behindert, sitzt im Rollstuhl und kann nach Angaben des Staatsanwalts nur den Kopf bewegen. Karst betonte, der 61 Jahre alte Vater und die 57-jährige Mutter seien voll schuldfähig gewesen und hätten ärztliche Hilfe für ihre Töchter verweigert.

Erina war im November 2003 mit knapp 21 Kilogramm Körpergewicht im Krankenhaus ins Koma gefallen, aus dem sie etwa zwei Monate später erwachte. "Das Mädchen hat bei der Einlieferung nur aus Haut und Knochen bestanden und an ein KZ-Opfer erinnert", sagte Karst. Das Landgericht Ellwangen hatte die Eltern im Oktober 2004 zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt und ihnen verminderte Schuldfähigkeit bescheinigt. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil im vergangenen Juli auf und verwies den Fall zur erneuten Verhandlung nach Stuttgart.

Karst sagte, die Folgen der Unterernährung hätten den Eltern bekannt sein müssen. Vor allem weil die Mutter gelernte Arzthelferin sei und alle drei Töchter bereits im Jahr 2000 schon einmal in einer Kinderklinik künstlich ernährt werden mussten. Der Verteidiger des Vaters kritisierte: "Jetzt mit einer Freiheitsstrafe hereinzuhauen, halte ich für nicht verantwortlich." Die Situation der Familie habe sich mittlerweile ein wenig stabilisiert. (tso/dpa)

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