Welt : Fehl am Platz

In Venedig bekommen die Touristen zur Begrüßung einen Mini-Knigge mit Benimmregeln

Thomas Migge[Venedig]

In diesem Sommer ist es in Italien besonders heiß. Touristen, vor allem aus Nordeuropa, kleiden sich deshalb dem Wetter entsprechend. Sie zeigen sich mit arg kurzen Shorts und Gummilatschen aber auch mit nacktem Oberkörper. Schweißtriefend laufen sie aber nicht nur an den italienischen Stränden entlang oder zeigen in den Geschäftsstraßen von Badeorten Fleisch und Fett. Auch in den Städten tauchen diese verschwitzten sommerlichen Gestalten in Museen und Pizzerien, in Designergeschäften und beim Kauf von Klamotten der Modehäuser Prada und Armani auf.

Zu lässig ist lästig

Seit Jahren wird über das vor allem im Sommer immer lässigere Erscheinungsbild von Touristen diskutiert. Vor allem von Besuchern aus Nordeuropa, die, erregte sich kürzlich der römische Modemacher Valentino, „scheinbar nicht wissen, dass man sich in einer Stadt anders als am Meer kleidet“.

Versuche, wie Ende der 90er Jahre in Rom, mit hübschen Hinweistafeln die Touristen zu stadtgemäßer Kleidung zu bewegen, schlugen fehl. Solche Hinweisschilder wurden an der spanischen Treppe in Rom beispielsweise in nur wenigen Tagen mit Graffitti so beschmiert, dass niemand mehr die Drohungen gegen ein Zuwiderhandeln der Kleiderbestimmungen lesen konnte. Leere Drohungen, denn niemand kontrollierte ihre Einhaltung. Shorts und nackte Oberkörper finden sich immer noch „en masse“ und die Hinweisschilder sind irgendwann einmal abmontiert worden. Die Stadt Venedig versucht es jetzt ihrerseits mit dem Kampf gegen die, so der ehemalige Bürgermeister und Philosoph Massimo Cacciari, „unerhört ungezogenen Urlauber“. Den Besuchern der Lagunenstadt werden bei ihrer Ankunft, sie kommen ja alle über eine Brücke, die Venedig mit dem Festland verbindet, mit einem Stück Papier versorgt. Dabei handelt es sich um den so genannten „Decalogo“, einen Dekalog mit zehn Hinweisen, die die Touristen, so heißt es, doch bitteschön aufmerksam lesen und befolgen sollen:

1. haben sich die Urlauber umgehend einen Stadtplan zu besorgen, um nicht ziellos durch die Stadt zu streifen und sich immer an den gleichen Punkten aufzuhalten und die Gassen zu verstopfen.

2. sollen sie ihren Abfall nicht auf den Boden oder ins Wasser werfen.

3. sollen sie sich der historischen Stadt entsprechend kleiden, das heißt keine zu kurzen Hosen und das heißt auch ein absolutes Muss von Oberbekleidung.

4. werden die Venedigbesucher daran erinnert, dass der Markusplatz ein Open-Air-Museeum ist und keine Müllkippe und auch kein Marktplatz, auf dem man tanzen oder auf dem Boden sitzend essen darf.

5. sollen die Besucher die „Venice-Card“ benutzen, die beim Besuch von Museen und dem Gebrauch öffentlicher Verkehrsmittel Preisnachlässe bietet. 6. sollen sie nur autorisierte Fahrzeuge benutzen und nicht auf die Dienste schwarzarbeitender und somit illegaler Gondoliere und Taxibootfahrer zurückgreifen.

7. ist es verboten, gefälschte Markenartikel von Schwarzhändlern zu kaufen.

8. werden die Touristen aufgefordert, im Fall von Hochwasser alle Vorschriften zu befolgen.

9. sollen gehbehinderte Besucher die für sie vorgegebenen Wege benutzen und

10. werden diejenigen, die etwas zu Meckern haben, aufgefordert, sich an das städtische Touristenbüro zu wenden.

Bürgermeister Paolo Costa hat sich zu diesem strengen 10-Punkte-Katalog entschieden, weil immer mehr seiner Bürger gegen das schlechte Benehmen und die ihrer Meinung nach skandalöse Kleidung von Urlaubern protestieren. Wer zukünftig seinen Müll in einen Kanal wirft oder zu knapp bekleidet daher kommt, der muss, wird er von einem Stadtpolizisten erwischt, mit einer Geldstrafe rechnen. Noch sind die genauen Strafsätze nicht festgelegt, aber zu knappe Höschen oder ein nackter männlicher Brustkorb sollen rund 50 Euro kosten.

Die Strafe ist direkt beim Polizeibeamten gegen eine Quittung zu entrichten. Wer kein Geld dabei hat, muss mit zur Behörde und sich erkennungsdienstlich erfassen lassen. Zuvor aber müssen sich die Überführten stadtgerecht bekleiden, denn sonst werden sie nicht auf die Wache gelassen.

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