Fehler eines Arztes : Gefährliche Praxis

Ein Mann bekommt sehr hohes Fieber, sucht Hilfe beim Arzt, aber der findet die Ursache nicht. Wenig später ist der Patient tot. Er hätte nur Penicillin gebraucht – ein fataler Fehler. Die Geschichte eines Mediziners, der für den Beruf lebte, und einmal irrte.

Frederik Jötten
Dann machen Sie sich mal frei. Ein Arzt soll in den Menschen hineinsehen können, als wäre der aus Glas.
Dann machen Sie sich mal frei. Ein Arzt soll in den Menschen hineinsehen können, als wäre der aus Glas.Foto: Imago

Das Telefon klingelt um vier Uhr morgens. Es ist ein Samstag. Die Frau am anderen Ende sagt, ihr Mann habe hohes Fieber, Landarzt Erich Becker schüttelt sich vor Müdigkeit. Später wird er sagen, dass in diesem Moment die Katastrophe seines Lebens begann. „Geben sie ihm ein Schmerzmittel zum Fiebersenken“, rät er der Frau, so steht es in den Gerichtsakten. „Bestimmt eine Grippe, kommen Sie 8 Uhr 30 in die Sprechstunde.“ Becker kennt den Patienten nicht. Seit 20 Jahren ist er da Hausarzt in einem Dorf. An diesem Wochenende hat er den Notdienst übernommen, die Reihe war an ihm. Nun ist er für einen Radius von 20 Kilometern zuständig.

Erich Becker ist nicht der richtige Name des Arztes. Er will nicht, dass seine Identität gelüftet oder die Region erwähnt wird, in der er lebt. Bis heute lebt. Denn nach allem, was passiert ist und sein Leben durcheinandergebracht hat, ist er trotzdem in demselben Dorf wohnen geblieben. Die Praxis hat er aufgegeben. Tagsüber sitzt er nun in einem Büro bei einer Versicherung. Der 63-Jährige spricht leise und bedächtig durch einen dichten, grauen Vollbart. Die Ärmel seines Hemdes hat er hochgekrempelt, seine Unterarme sind gebräunt. Fotos an der Wand zeigen, dass er mit seiner Frau gern Skitouren macht und wandert.

Becker hat seine Arbeit geliebt, das merkt man, wenn man ihm zuhört. Viele Patienten, sagt er, wollten mehr als Pillen und Salben von ihm. Auf den Abend legte er Termine mit den Menschen, die vor allem reden wollten, über ihre Probleme bei der Arbeit, in der Ehe, mit den Kindern. Weinende Patienten habe er auch schon einmal in den Arm genommen, sagt Becker.

Wie vereinbart brachte die Frau an jenem Samstagmorgen den fiebrigen Patienten in die Praxis. Er war sehr geschwächt und konnte kaum gehen. Der Mann war 49 Jahre alt, die Frau erzählte, dass er 17 Jahre zuvor die Hodgkin-Erkrankung, eine Form von Lymphdrüsenkrebs, gehabt habe. Während der Therapie musste ihm die Milz entfernt werden, ein Eingriff, das wusste Becker, der Menschen anfällig für Infekte macht. Er untersuchte Hals, Nasen, Ohren, Herz und Lunge – konnte aber nichts finden. Auch ein Röntgenbild ergab keinen Befund.

Die Frau sagte, Becker solle ihrem Mann Penicillin geben. Der Arzt entgegnete, er könne nicht einfach ein Antibiotikum anwenden, wenn er noch nicht einmal wisse, was ihr Mann habe. Schließlich sei eine Grippe wahrscheinlich, dagegen helfe ein Antibiotikum nicht. Er gab dem Mann eine Injektion mit einem fiebersenkenden Schmerzmittel und sagte der Frau, sie solle sich am nächsten Morgen melden oder sobald sich am Zustand ihres Mannes etwas ändere. Das war ein Fehler, und er war tödlich.

In Deutschland sterben pro Jahr 500 Menschen an ärztlichen Behandlungsfehlern. Das ist die offizielle Zahl. Die Dunkelziffer sei erheblich höher, sagte vergangene Woche der Gesundheitsforscher Gerd Glaeske, aber vieles würde von den Opfern nicht angezeigt. Sie wollten niemandem schaden, der ihnen nur habe helfen wollen. Trotzdem nehmen Klagen gegen Ärzte seit Jahren zu. 2010 waren es 11 016, die Schadenersatzansprüche geltend machten. Die Bundesregierung will im Herbst mit einem Gesetz die Rechte der Patienten gegenüber Ärzten stärken. Die Beweislast soll umgekehrt werden, so dass der Patient nicht mehr belegen muss, dass seine Schäden auf die ärztlichen Maßnahmen zurückgehen.

Erich Becker erstellt heute medizinische Gutachten. „Ich habe getauscht: geregelte Arbeitszeiten und einen festen Lohn gegen den Verlust des Patientenkontakts und vieler Freiheiten.“ An seiner neuen Tätigkeit schätze er vor allem, dass er nun Kollegen habe. „Als Landarzt war ich ein Einzelkämpfer“, sagt er.

Sonntagmorgen um 8 Uhr, einen Tag nachdem der Patient zum ersten Mal bei Becker in der Sprechstunde war, rief die Frau des Patienten in der Praxis an. Das Fieber sei auf 38,5 Grad gesunken, aber es gehe ihrem Mann noch immer schlecht, zusätzlich habe er jetzt noch Schmerzen in der Nierengegend. Becker bat um eine Urinprobe, die Frau brachte sie. Becker konnte darin aber keine Zeichen einer Infektion finden. Er glaubte immer noch an eine Grippe, verordnete ein stärkeres Schmerzmittel. Um 20 Uhr rief die Frau wieder an. Sie war wütend, der Zustand ihres Mannes habe sich weiter verschlechtert. Becker bot an, vorbeizukommen. Die Frau erwiderte, sie wollten lieber am nächsten Tag zu einem anderen Arzt gehen. Becker sagte, sie solle ihren Mann bitte sofort ins Krankenhaus bringen. Das tat sie nicht. Erst nach Mitternacht, der Mann war kaum noch bei Bewusstsein, wurde er als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert. „Warum bloß sind Sie nicht früher gekommen?“, fragte der aufnehmende Arzt. Man verabreichte direkt starke Antibiotika, doch es war zu spät. Der Patient hatte eine akute Blutvergiftung, die Organe waren befallen, drei Wochen später starb er.

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