Welt : Feierabend seit 2004

Der Fall einer italienischen Klinikangestellten wirft ein Schlaglicht auf den Schlendrian in der Verwaltung.

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Italiens Verwaltungsmitarbeiter haben ein schlechtes Image – in vielen Fällen zu Unrecht, in manchen Fällen zu Recht. Denn es gibt Bereiche im öffentlichem Dienst des Landes, in dem der tägliche „Absentismus“ eine Art Berufskrankheit darstellt. Foto: Sintesi/Visum
Italiens Verwaltungsmitarbeiter haben ein schlechtes Image – in vielen Fällen zu Unrecht, in manchen Fällen zu Recht. Denn es gibt...Foto: SINTESI / VISUM

Die Universitätsklinik zur Heiligen Ursula in Bologna hat mehr als 5300 Beschäftigte. In dieser Menge fallen einzelne Angestellte in der Regel nicht weiter auf. Bei Silvia S. gar, da hat über neun Jahre hinweg niemand bemerkt, dass sie überhaupt nicht da war. Wobei man das so pauschal auch wieder nicht sagen kann. Im Jahr 2002 hat sie zwei Tage gearbeitet, 2004 sogar vier Tage. Danach war Feierabend. Und jetzt hat man Silvia S. entlassen. Zur Strafe steht sie unter Hausarrest.

Eigentlich war es Aufgabe der heute 44-jährigen Frau, Kranke von einer Station des Krankenhauses zur anderen zu bringen, aber als im Jahr 2002 ihre Tochter zur Welt kam, muss irgendetwas passiert sein. Mal meldete sie sich krank, weil Reinigungs- oder Desinfektionsmittel ihre Haut gereizt hätten, mal besorgte sie sich – bei ständig wechselnden Hausärzten – Atteste über eine Fehlgeburt, über Blutungen und über Risikoschwangerschaften, aufgrund derer sie unmöglich arbeiten konnte. 2004 und 2008 gebar Silvia S. sogar zwei Kinder, was dann natürlich den üblichen Mutterschutz und anschließend einen Elternurlaub erforderte.

Diverse Atteste erschlich die Frau sich, indem sie sich gegenüber den Medizinern sehr kenntnisreich als Kollegin ausgab – sie sei „Psychologin am Unispital“, sagte sie. Die anderen Bescheinigungen fälschte sie eigenhändig. Ihre beiden Kinder zum Beispiel, die will sie in Spanien entbunden haben. Nur gibt es diese Kinder gar nicht. Sie haben nie existiert. Lediglich die 2002 geborene Tochter, die ist echt. Und mit dieser wurde Silvia S. – trotz angeblich fortwährender Bettlägrigkeit – immer wieder bei Stadtspaziergängen gesehen.

Die Uniklinik bezahlte trotzdem das Gehalt weiter; die Krankenkasse sprang für den „Mutterschutz“ ein. Erst nach mehr als acht Jahren wurde der Arbeitgeber stutzig und entließ Silvia S., weil sie die „maximal zulässige Zahl von Abwesenheitstagen“ im öffentlichen Dienst überschritten hatte. Silvia S. legte Widerspruch ein – zog sich damit aber nur die Carabinieri auf den Hals, die sie beschatteten, ihre Dokumente filzten und sie am Ende festsetzten.

Silvia S. ist ein Extremfall, aber nicht der einzige. Roms riesiges Poliklinikum Umberto I. zum Beispiel zahlte viele Jahre lang Gehalt an mehrere Dutzend Beschäftigte, die auf der Station aber kein Mensch kannte.

In anderen Sparten von Italiens öffentlichem Dienst ist der tägliche „Absentismus“ eine Art Berufskrankheit. Und die Büros werden nicht nur für den Kaffee und das Schwätzchen an der Bar gegenüber verlassen. Im vergangenen Frühjahr knöpfte sich beispielsweise die Staatsanwaltschaft Rovigo im Norden des Landes gleich 98 von 115 Beschäftigten der Regionalverwaltung Venetiens vor, weil sie morgens ihren Dienstantritt zwar ordnungsgemäß gestempelt hatten, zu ihrem Schreibtisch aber nicht vorgedrungen waren. Besonders leer zeigten sich die Büros der Verwaltung jeweils am Dienstag. Da ist Markt in Rovigo, und irgendwann muss der Mensch ja schließlich auch einkaufen.

Vor drei Jahren wollte der energische Minister Renato Brunetta, recht publikumswirksam, mit den „Nichtstuern“, aufräumen. Um den Krankenstand im öffentlichen Dienst zu senken, kürzte Brunetta die Gehälter für die ersten zehn Fehltage. Der Erfolg war gewaltig: Die Krankheitsquote ist seither um ein Drittel gesunken – dafür aber nahmen um 60 Prozent die freien Tage zu, die öffentlich Bedienstete „zur Unterstützung kranker oder behinderter Familienangehöriger“ nehmen dürfen.

Dass im Verwaltungswesen des Landes weiterhin Reformbedarf besteht, wurde auch in der vergangenen Woche deutlich, als der neue italienische Ministerpräsident Mario Monti sein Regierungsprogramm im Senat in Rom erklärte. Monti kündigte nämlich nicht nur einen harten, aber „gerechten“ Sparkurs für sein Land an, sondern forderte auch Maßnahmen, um „die Verwaltung effizienter zu gestalten“. Bei den Abgeordneten stieß Montis Rede auf großen Beifall. Und Fälle wie der von Silvia S. in Bologna dürften auch der breiten Bevölkerung die Augen dafür öffnen, dass im öffentlichen Dienst Nichtstuer gelegentlich immer noch leichtes Spiel haben. mit AFP

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