Fernseh-Fiktion : "Belgien ist gestern Nacht gestorben"

Die Flamen erklären sich für unabhängig, das Königspaar flieht ins Exil - eine als TV-Bericht getarnte Fiktion über den angeblichen Zerfall Belgiens hat im Land für Empörung gesorgt.

Brüssel - Der flämische Landesteil habe einseitig die Unabhängigkeit erklärt und das Königspaar bereits mit einem Militärflugzeug das Land verlassen, berichtete der französischsprachige TV-Sender RTBF am Mittwochabend in einer fiktiven Live-Sendung, bei der es sich um ein journalistisches Experiment handelte. Bei den Belgiern schürte der Bericht Urängste vor dem oft prophezeiten Bruch ihres Landes. Sie legten zeitweilig die RTBF-Zentrale mit einer Flut von Anrufen lahm. Belgische Politiker verurteilten die Fernseh-Fiktion scharf.

Die RTBF-Moderatoren schalteten unter anderem Interviews mit - echten - Politikern, die den angeblichen Zerfall des Landes begrüßten oder kritisierten. Fernsehbilder zeigten Straßenbahnen, die an den neuen "Grenzen" zwischen beiden Landesteilen - Flandern und der frankophonen Wallonie - gestoppt wurden. Zu sehen waren zudem Tausende feiernde Flamen, die die Unabhängigkeit angeblich in einen Freudentaumel versetzt hatte.

Die Regierung verurteilt die TV-Aktion

Laut RTBF sollte der Bericht die Debatte über Zusammenhalt oder Auseinanderdriften des Landes neu beleben. Am Donnerstag beherrschte das Thema die belgische Presse: "Belgien ist gestern Nacht gestorben", titelte der französischsprachige "Soir", "La Libre Belgique" schrieb von einer "Fiktion, die Belgien erschütterte".

Ein Sprecher des belgischen Regierungschefs Guy Verhofstadt verurteilte die TV-Aktion als geschmacklos. Der Chef der frankophonen Sozialisten, Elio Di Rupo, nannte derartige Berichte "unverantwortlich und unsozial" - erst recht in einer Zeit, in der Belgien von separatistischen Tendenzen erschüttert werde. Zu Beginn der Ausstrahlung hatte der Sender die Worte "dies ist vielleicht keine Fiktion" eingeblendet - es dauerte eine halbe Stunde, bis auf Betreiben der zuständigen wallonischen Medien-Ministerin statt dessen die Zeile "dies ist eine Fiktion" erschien. Dem belgischen Senat zufolge meldeten sogar ausländische Botschafter in Brüssel die angebliche Sensation in ihre Heimatländer.

Einer RTBF-Umfrage zufolge glaubten zunächst 89 Prozent der Zuschauer die Nachricht vom Zerfall des Landes - und sechs Prozent waren selbst dann noch davon überzeugt, als klargestellt war, dass es sich um einen fiktiven Bericht handelt. In Belgien haben sich die Spannungen zwischen dem wirtschaftlich florierenden Flandern und der frankophonen Wallonie in den vergangenen Jahren zunehmend verschärft, wozu auch die extrem rechten flämischen Nationalisten vom Vlaams Belang entscheidend beigetragen haben. (tso/AFP)

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