Welt : "Fernsehen": Positive Seelen beim Tomatenverzehr

Michael Adrian

Wer schwebt denn da am Himmel über Berlin? In der kleinen Propellermaschine, die auf das Panorama-Restaurant des Fernsehturms am Alex zuhält? Nein - auf dem Fenstersims der überraschend aus dem Urlaub heimgekehrten Dreschers, zwischen Toilette und Küche, um irgendwie doch noch unbemerkt den Farn... Es ist, verraten wir es gleich, der Ich-Erzähler eines beschwingten und hochkomischen Romans über das Fernsehen, die unermüdliche Arbeit des Geistes, über Berliner Nacktheiten und nicht zuletzt das Blumengießen bei verreisten Nachbarn.

Unser Mann, wie wir ihn der Einfachheit halber nennen wollen, ein Pariser Professor der Kunstgeschichte, verbringt ein Jahr als Stipendiat in Berlin (ganz wie der Autor selbst, der 1993 auf Einladung des DAAD in der Stadt weilte). In Ruhe will er hier an seiner Studie über Kunst und politische Macht arbeiten, genauer über eine apokryphe Szene aus dem 16. Jahrhundert, der zufolge Karl V. sich bückte und einen Pinsel aufhob, den Tizian beim Atelierbesuch des Kaisers zu Boden fallen ließ.

Um eine genauere Vorstellung über ihren zeitlichen Ablauf zu gewinnen, hat der gewissenhafte Forscher die Szene bereits mit seinem viereinhalbjährigen Sohn nachgestellt; der Kleine in rotem Schlafanzug, mit ernstem und eifrigem Gesichtsausdruck, seine Filzstifte in der Hand, als Tizian. Die Vorarbeiten sind also gemacht, Lebensgefährtin und Kinder im Sommerurlaub, es könnte losgehen. Zumal unser Mann ja auch mit dem Fernsehen aufgehört hat, der Apparat ist ein für allemal abgeschaltet, "ein klassischer Fernseher, schwarz und quadratisch, der auf einem holzlackierten Untersatz aus zwei Elementen ruht, einer Platte und einem Fuß, der die Form, eines winzigen, senkrechten Buches hat, wie ein stummer Vorwurf". Aber es ist nicht das Fernsehen als höherer Kulturarbeit im Wege stehende Verdummungs- und Zeitvernichtungsmaschine, das auf den folgenden 190 Seiten in raffinierter motivischer Allgegenwärtigkeit bedacht wird.

Der Geist muss Hand anlegen

Nein, worin der Geistesmensch mit dem Fernsehzuschauer in sich selbst konkurriert, das ist die synthetisierende Arbeit, den aus allen Kanälen zuckenden Bildern eine Einheit und einen Sinn abzugewinnen. Das Fernsehen bildet die Welt aufgrund eines technischen Mechanismus ab, "aus Inkontinenz". Unser Mann aber weiß, daß der Geist selbst Hand anlegen muss an den visuellen Strom der Phänomene, wenn er etwas zu sehen bekommen will. Den wahren Fernsehschauer führt also das Abschalten des Kastens nicht tiefer in seine Studien hinein, sondern sofort aus dem Studierzimmer hinaus.

Wie all seine Vorgänger seit dem "Badezimmer" von 1985 (deutsch 1987), mit dem Jean-Philippe Toussaint auch hierzulande schlagartig bekannt wurde, gehört der Held in seinem jüngsten Roman zu den sinnierenden Gesellen, die sich den Umständen anschmiegen und dann plötzlich zuschlagen. Die Realität ermüden, wie man eine Olive mit sanftem Gabeldruck so lange ermüdet, bis sie reif ist für einen Überraschungsangriff - so hat der belgische Romancier diese Lebensphilosophie in seinem bezaubernden "Fotoapparat" von 1989 (deutsch 1991) charakterisiert.

Bummelant mit wachem Blick

Auch hier haben wir es wieder mit einem jener selbstironischen Geistesarbeiter zu tun, die wissen, dass auch und gerade ihre Lieblingsbeschäftigung, das Nichtstun, "Methode und Disziplin, geistige Offenheit und Konzentration" erfordert. Wachen Blicks also lässt sich der urbane Bummelant durchs hochsommerliche Berlin treiben und liefert kluge Betrachtungen zum Fernsehen, erhellende kunstgeschichtliche Vergleiche (etwa zur "Fuck-you"-Geste eines von Reportern bedrängten Sterbenden), vor allem aber ethnologisch-ästhetische Kleinstudien am laufenden Band.

Und Berlin lässt blitzen. Dem aufmerksamen Gelegenheitsvoyeur begegnen nackte Reize mit ihrer stummen melancholischen Grundierung allerorten; nirgends aber so preußisch-exhibitionistisch wie am Halensee, und allein für die verbissene Tischtennispartie, die sich da ein nur mit Schuhen und Socken bekleidetes Paar liefert, möchte man Toussaint auf den zarten Entenflaum küssen, der seinen Schädel ziert wie den unseres Erzählers. Wir sehen die nackerten Sonnenanbeter auf der Wiese liegen mit ihren Zeitungen, ihren Taschentüchern auf dem Kopf und ihren Kühltaschen; aber dass diese positiven Seelen Tomaten verzehren, das ist das mit beiläufigem Filzstifttupfer beigebrachte Detail, das künstlerische Killerdetail gewissermaßen, welches das Bild ab- und die Abgebildeten einschließt, weil es so beiläufig ist und so wahr.

Wem der Erzähler dann über den Weg läuft, nachdem er sich selbst, ganz teilnehmender Beobachter, sämtlicher Kleidung entledigt hat, sei hier nicht verraten; eine kleine Ehrenfußnote in den Annalen der neueren Literaturgeschichte verdient diese Begegnung aber allemal. Nicht nur Berufskollegen, auch andere Personenkreise werden en passant gewürdigt und so wühlt etwa der Anblick einer Prostituierten die zu einem Freier ins Auto steigt, das immer sprungbereite Verlangen auf: "Ich dachte nun ein wenig traurig an das gerade entschwundene Mädchen, daran was sie heute abend machen werde und heute schon gemacht hatte. Denn was machen Nutten wenn nicht ihrem Beruf nachgehen - wenn nicht fernsehen?"

Toussaint hat mit "Fernsehen" ein hochplausibles Amalgam aus intellektueller Meditation und Buster-Keaton-Slapstick geschaffen.

Der Autor verfügt über einen bestechenden, geradezu medusenhaften Blick für das objektiv Unernste an Selbst und Sein und Zeit; nur dass seine Komik nichts lächerlich macht. Wir lernen eine post-internationale Promenadenmischung wie John Dory kennen ("Schweizer aus dem Tessin durch seine Mutter, englischsprachiger Kanadier durch seinen Vater, hatte John Dory einen undefinierbaren leichten Akzent, eher englisch denn italienisch für mein frankophones Ohr, vielleicht französisch für ein deutsches Ohr, italienisch für ein englisches Ohr usw."); eine veritable Stadtpflanze wie die Hobby-Aviateurin Ursula Schweinfurth; die Dreschers zumal (führender FDP-Mann, exaltierte Blumenliebhaberin), die ihre Wohnung gutgläubig der Obhut Monsieurs anvertrauen... Was aber all diese Figuren von der reinen Satire trennt, ist ein Rest an Eigentümlichkeit, an Undurchschaubarkeit; etwas an ihnen bleibt so enigmatisch wie der Gummibaum der Dreschers, dessen in sich gekehrte chinesische Würde der Erzähler durch nicht mehr als ein paar kameradschaftliche Wasserspritzer aufstören möchte. Wie stets in seinen Büchern nimmt Toussaint die Klischees, die in unseren Köpfen dahinrollen wie die unaufhörliche Brandung der Fernsehbilder, und formt gültige Vignetten aus ihnen.

"Fernsehen" ist, fast ein bisschen versteckt, im Taschenbuchprogramm des Suhrkamp-Verlages erschienen; der Roman ist wahrscheinlich einfach zu komisch für eine gebundene Ausgabe. Nicht ungelegen, um wieder auf Toussaint aufmerksam zu werden, kommt da seine zeitgleich von der Frankfurter Verlagsanstalt vorgelegte neuste Veröffentlichung, eine schmale, mit wenigen zarten Fäden verwobene Sammlung von Reiseimpressionen.

Oben Japanerin unten Motorroller

Auch hier gibt es nicht wenige komische Situationen und Bilder, das von Noriko etwa auf der Vespa, "Gesicht nach vorne und mit dem Gebaren einer nicht klassifizierten mythologischen Kreatur (weder Sirene noch Seepferdchen; oben eine Japanerin, unten ein Motorroller), und die unter dem Arm sorgsam ein grellgelbes Surfbrett hielt". Doch seinen Ton erhält der Band durch etwas wie die Bewegung des Lebens selber, die der Erzähler indirekt zu spüren gibt, indem er sich tändelnd von ihm an die Hand nehmen lässt; in den reinen Momenten des Seins, wie sie sich plötzlich inmitten des Verkehrsgewühls von Hanoi oder im Speisewagen des Morgenzugs nach Prag einstellen können. "Selbstporträt (in der Fremde)" ist ein wunderbar leichtes, fast schwebendes episodisches Reisebüchlein geworden, gewissermaßen der Negativabdruck eines Romans.

Beide Bücher sind von Bernd Schwibs geschmeidig ins Deutsche übertragen; und da es wärmer wird im Land, sei hiermit dringend empfohlen: Wenn Sie das nächste Mal Ihre Tomaten einpacken oder Ihre Tischtennisschläger, hier sind zwei echte Alternativen, um auf unschlagbare Weise nichts zu tun.

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