Fernsehen : Zünder aus Berlin

Cindy aus Marzahn – das ist Ilka aus Luckenwalde. Sie gibt dem Prekariat mit grellem Witz Würde.

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Von der arbeitslosen Köchin zum Comedy-Star. Cindy aus Marzahn bringt Säle und TV-Studios zum Kichern. Foto: imago

Berlin - Das Schlimme ist: So sind wir wirklich in Berlin. Pampig, grell gekleidet, vollgefressen und ungebildet. In der Regel behalten wir diese Diagnose für uns, um draußen in der Welt keinen Schaden anzurichten. Nur hilft das nichts mehr, seit eine Figur namens Cindy aus Marzahn über die deutschen Bühnen und durch die deutschen TV-Kanäle trampelt und eben diese Eigenschaften plakativ ausstellt. Sie ist, das wird man ohne Umschweife sagen dürfen, für die Hauptstadt eine PR-Katastrophe. Aber immerhin eine ziemlich lustige.

Seit die Namensinhaberin Ilka Bessin, eine gelernte Köchin aus Luckenwalde, 2004 von der Arbeitslosigkeit zur Bühnenkarriere wechselte, ist natürlich vor allem der Ruf von Marzahn im Eimer. Dabei hat sie mit dem Plattenbaubezirk so gut wie nichts zu schaffen – es waren wohl rein klangliche Gründe, die Hellersdorf oder Lichtenberg aus dem Rennen geworfen haben. Mar! Zahn! Und Cindy aus Luckenwalde, das hätte zu provinziell geklungen, denn solche wie sie gedeihen nur auf einem Beet bundesweit geläufiger Klischees und Vorurteile. Heute, zugegeben, ginge auch Neukölln.

Obwohl sie also das Stigma des Einheitsverlierers (Ost) vorführt, hat sie es wie nur wenige Comedy-Künstler mit DDR-Biografie geschafft, sich im Osten und Westen gleichermaßen zu etablieren: Die gerade laufende Tournee „Nicht jeder Prinz kommt uff’m Pferd!“ führt sie hintereinander nach Nürnberg, Erfurt, Suhl, Zwickau, Braunschweig, Kassel, Bielefeld und so weiter, bis schließlich Ende Dezember die komplette Flächenabdeckung in den Grenzen von 1990 erreicht sein sollte. Und dass es sich bei ihren Narreteien nicht mehr um Kleinkunst handelt, beweisen Spielorte, die meist „Stadthalle“ oder „Arena“ heißen, gern auch mal Kongresszentrum oder, wenn schon, denn schon, Westfalenhalle.

Es ist noch nicht ganz der Gigantismus einer Mario-Barth-Tournee, aber auch nicht mehr sehr weit weg davon. Wer solche Auditorien amüsieren will, der darf sich nicht in Subtilitäten verlieren und auf den Beifall des Feuilletons spekulieren, sondern muss Gas geben, die Sau gleich nach dem Rauslassen blutig schlachten und Witze machen, die wehtun. Cindys bekanntester dreht sich um die Frage, ob sie die Zwillingsschwester von Paris Hilton sei. Die heiße ja so, weil sie im Pariser Hilton gezeugt worden sei. Nee, sagt Cindy, kann nicht stimmen, „sonst müsst ick ja Ikea Parkhaus heißen“.

Es sind vermutlich diese Bruchlandungen in den realen Lebenswelten ihrer Fans, die den Erfolg ausmachen. Viel ist nicht los in diesen Lebenswelten, sie versucht auch gar nicht, sie zu erklären oder gar zu kritisieren, sondern ist mit ihnen solidarisch: „Morjens um halb acht überleg ick mir, ob ick mir Kaffee koche oder am Jeschlechtsteil spiele.“ Sie ist die Miss Piggy des Prekariats, das zurückschlägt, ohne sich selbst zu schonen; diese Haltung ließe sich selbstironisch nennen, sieht man davon ab, dass Ironie allgemein deutlich feingliedriger auftritt. Cindy ist der weiße Hai im Badewasser des Kulturpessimisten, infernalischer Schrecken und ein bisschen auch vulgäre Verlockung. Und sie behält dabei, komisch, immer einen Hauch Würde.

Schon die äußere Erscheinung nimmt den Inhalt vorweg. Cindy trägt Leggings, Jogginghosen und Oberteile in schreienden Farben, die ihren gewaltigen Leib wie eine Presswurst schnüren, sie walzt in puscheligen Fellstiefeln über die Bühne und pimpt ihre Lockenperücke mit Plastikblumen auf – vor uns steht eine verkappte Romantikerin mit modischen Ambitionen, die sie stets geradeaus in die Geschmackskatastrophe führen. Ziel der grellen Inszenierung ist, was sonst, allemal der Traumprinz, der sich nicht einstellen will, obwohl die Ansprüche niedrig sind: „Ick bin schon froh, wenn er vollständje Sätze spricht.“ Thorben, Jean-Pascal, Enrico und Hassan hat sie schon durch, abgenutzt, verworfen: Namen sind gleichermaßen Programm und Verhängnis in dieser kleinen Marzahner Welt.

Das alles ist gut erfunden, vor allem immer authentisch, milieugerecht inszeniert. Die heute 38-jährige Ilka Bessin, gelernte Köchin, verlor in der Wendezeit ihre Stelle in einer Großküche, lernte Hotelfachfrau, schlug sich als Animateurin auf einem Kreuzfahrtschiff durch und gab dort die Putzfrau Emma Zopf, die sich über die Macken der Reisegäste lustig machte. Nach vier Jahren Arbeitslosigkeit erfand sie sich selbst neu („70 Prozent meines Programms sind Ilka“), zog sich an den Haaren der Lockenperücke aus dem Sumpf und drängte nach ersten Erfolgen im Berliner „Quatsch Comedy Club“ zügig in die Stadthallen und TV-Studios. Längst gehört sie zum Kreis der etablierten Comedians, deren Erfolgsrezept immer irgendeine exklusive Macke ist; ihre, die große Proll-Schnauze, hat sich längst in den verschiedensten Sendeformaten bewährt.

Insofern: abgeschliffen, auf menschliche Größe reduziert, tauglich als Projektionsfläche für beinahe jeden. Für den Leistungsverweigerer, der eine verwandte Seele sucht. Für den Leistungsbereiten, der ein Feindbild braucht, um sich zu lösen von den Verlockungen des Schlendrians. Und für den Leistungsträger, der eine Bestätigung sucht, dass er ganz anders ist als die da unten. So gesehen wäre nicht einmal ein Auftritt Cindys vor einem FDP-Parteitag noch eine wirkliche Provokation. Aber sie wird es vermutlich vorziehen, Berlin noch eine Weile in den Schmutz zu ziehen. In aller Würde.

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