Film : Ein Schatz für das neue Amerika

„Precious“ ist der zurzeit meistdebattierte Film der USA – und Gabourey Sidibe die gefeierte Darstellerin.

Sebastian Moll[New York]
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Gabourey Sidibe. -Foto: AFP

Gabourey Sidibe ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was gemeinhin einen Star ausmacht. Die 26 Jahre alte Hauptdarstellerin des neuen Kultfilms „Precious“ ist fett. Und tiefschwarz. 168 Kilogramm bringt die Schauspielerin aus dem noch immer armen New Yorker Stadtteil Harlem auf die Waage. Und dennoch liegt Amerika derzeit Gabourey zu Füßen. Kaum ein Glamour-Magazin, das sie nicht auf dem Titel hatte, keine Talkshow, in der sie nicht auftrat.

Tatsächlich ist Sidibe ein umwerfend sympathisches Mädchen. Erfrischend selbstbewusst geht sie mit ihrer Körperfülle um. Bei ihren Talkshow-Auftritten tanzt sie hüftschwingend in die Studios. Sie ist quirlig, klug und schlagfertig. Doch der eigentliche Grund für Gabourey Sidibes Popularität sind nicht so sehr ihre Ausstrahlung und ihr Witz. „Gabby“ wird vor allem für die Rolle geliebt, die sie in „Precious“ so brillant spielt und mit der sie zu ihrem eigenen Unbehagen immer wieder verwechselt wird.

„Precious“ ist die Geschichte eines von Kindheit an misshandelten Mädchens aus Harlem. Ihr Leben scheint von Anfang an verkorkst. Und doch findet Precious irgendwoher den Willen zu leben. Aus irgendeiner tiefen Quelle schöpft sie einen Funken von Selbstwertgefühl und Hoffnung. Und deshalb wünscht man sich nichts sehnlicher, als dass sie einen Weg für sich findet. Regisseur Lee Daniels hat es geschafft, Amerika ein tiefes Mitgefühl mit einer Person zu vermitteln, um die man gewöhnlich einen großen Bogen macht. Körperlich abstoßend, Analphabetin, asozial – das ist die Art von Mensch, der viele lieber den Rücken zuwenden. „Mädchen wie Precious sind unsichtbar“, sagt Schriftstellerin Sapphire, Autorin des Buches „Push“, der Romanvorlage zu „Precious“. „Sie werden von ihren eigenen Leuten übersehen und von der weißen Gesellschaft erst recht.“

Sapphire hat die Figur Precious aus Fällen zusammengesetzt, die ihr während ihrer Zeit als Sozialarbeiterin im Harlem der 80er Jahre+ begegneten. Das Buch, das jetzt neue Auflagenrekorde erzielt, war nach seinem Erscheinen 1996 ein Underground-Hit. Es war ein Schlüsselwerk für schwarze Jugendliche, so wie für weiße einst „Der Fänger im Roggen“. Gabourey las es mit 16. Nun hat Lee Daniels den Stoff aus seiner Nische hervorgeholt und ganz Amerika dazu gebracht, hinzuschauen. Dabei geht Daniels deutlich schonender vor als weiland die wenig zimperliche schwarze Feministin Sapphire. Die Vergewaltigungen von Precious durch Mutter und Vater, die ihr noch vor ihrem 16. Lebensjahr zwei Schwangerschaften und den HIV-Virus bescheren, werden nur angedeutet. Doch wie die Mutter Precious immer wieder entsetzlich erniedrigende Beschimpfungen an den Kopf wirft, zeigt eindringlich genug, was es bedeutet, mit der Botschaft aufzuwachsen, wertlos zu sein.

„Precious“ heißt übersetzt „wertvoll“, „kostbar“. Die Geschichte von Precious ist fast zu grausam, um wahr zu sein. Und dennoch hat Sidibe es geschafft, „diese unglaubliche Geschichte glaubhaft zu machen“, wie die „New York Times“ schrieb. Ihre Auslegung der schwierigen Rolle ist umso überraschender, als es das Spielfilmdebüt von Sidibe war. Die Tochter einer Sonderschullehrerin und eines senegalesischen Taxifahrers verdiente sich als Telefonistin ihren Lebensunterhalt, als die Scouts von Lee Daniels nach Harlem kamen. Sidibes Mutter, die ganz anders als die Film-Mutter große Stücke auf ihre Tochter hält, schickte sie zum Vorsprechen. Jetzt wird Gabourey sogar als Oscar-Kandidatin gehandelt.

Als Geniestreich wird jedoch nicht nur Sidibes Vorstellung gepriesen, sondern auch, wie Daniels die Besetzung zu einem erstaunlich gut funktionierenden Mix zusammengefügt hat. Da ist Lenny Kravitz, der einzige Mann im Film, in der geschlechtlich ambivalenten Rolle des sensiblen, geburtshelfenden Krankenpflegers. Und da ist die Sängerin Mariah Carey als mitfühlende Psychologin, die blass, ungeschminkt und in einem billigen Kostüm eine schauspielerische Mustervorstellung abliefert. Schließlich ist da noch die schwarze TV-Talkerin Monique, die ungeachtet der möglichen Imagefolgen mit Hingabe die monströse Mutter gibt. Vor allem aber lieben die Kritiker an „Precious“, dass der Film die verdrängte soziale Realität des Lebens im schwarzen Ghetto schonungslos zutage fördert. „Der Film traut sich so nahe wie noch nie an hässliche Wahrheiten heran“, lobte die „Los Angeles Times“.

Die schwarze Kritik ist von „Precious“ deutlich weniger begeistert. So schrieb Armond White in der „New York Press“ einen wütenden Artikel, der „Precious“ als einziges rassistisches Klischee bezeichnet. „Noch nie hat ein Film das Bild schwarzen Lebens derart übel verzerrt.“ Arme schwarze Familien als inzestuös darzustellen, schwarze Jugendliche als extrem übergewichtig und analphabetisch, sei eine „Mischung aus rassischer Ausbeutung und Opportunismus“. „Poverty Porn“ – Elendsporno – sei das, „eine soziologische Horror-Show“.

Der schwarze Regisseur Lee Daniels setzt diesem Verdacht entgegen, dass er weiß, wovon er redet. Daniels war ein Unsichtbarer wie Precious, er wuchs als schwuler Junge in einem schwarzen Getto auf. Er tue nichts anderes, als die Welt zu zeigen, aus der er stammt. Diejenigen Schwarzen, die wie der Kritiker White diese Welt lieber verstecken wollen, sagt Daniels, seien einfach noch nicht so weit, zu ihrer Herkunft zu stehen. „Bevor Obama gewählt wurde, hatte ich zwei Gesichter“, sagt der Regisseur. „Eines für die weiße Welt und eines für die schwarze Welt.“ Jetzt hingegen sei es für ihn in Ordnung, als Schwarzer aufzutreten, sich als der zu zeigen, der er ist.

Einfach ist es aber auch unter Obama nicht, der Welt das aufgedunsene Gesicht von Precious zu zeigen – das Gesicht des noch immer weit zurück gebliebenen schwarzen Amerika. Das Bild der eleganten, gebildeten Obamas in allen Medien ist eine Sache. Gabby Sidibe hingegen eine andere. So geben Pessimisten schon jetzt Gabby Sidibe keine guten Chancen auf einen Oscar: „Gabby Sidibe sollte ihren Erfolg genießen, solange er anhält“, schreibt der schwarze Schriftsteller Stanley Crouch in dem feministischen Blog „Jezebel“. Eine große Karriere werde sie dort nicht machen, denn „niemand hat es im Filmgeschäft so schwer wie schwarze Schauspielerinnen, selbst wenn ihre Schönheit ihrem Talent entspricht“. So ging der bislang einzige Oscar für eine schwarze Frau als Hauptdarstellerin an die relativ hellhäutige und schlanke Halle Berry, die in „Monster’s Ball“ die Hauptrolle spielte, den Lee Daniels produzierte. Gabby Sidibe hingegen erscheint manchen noch immer zu riskant für Hollywood. Andererseits wurde Gabourey Sidibe bei der Preisverleihung des National Board of Review, einer von vielen Tests für die Oscars, für den „Durchbruch des Jahres“ prämiert. Derselbe Preis führte Jennifer Hudson 2007 zum Oscar. Vielleicht ist Hollywood also doch anders, als man es der Branche noch immer nachsagt.

Unabhängig von Preisen ist die Gabby-Euphorie für das schwarze Amerika jetzt schon ein Durchbruch, ein vielleicht noch größerer Erfolg als die Wahl von Obama oder der Oscar für Halle Berry. Denn er erlaubt es den Schwarzen, die es aus dem Getto herausgeschafft haben und Obama nacheifern, sich mit sich selbst zu versöhnen. „Alle Schwarzen tragen ein wenig von Precious in sich“, schreibt die schwarze Kolumnistin Erin Aubry Kaplan im Internetportal „Salon“.

Precious, so schreibt Kaplan, sei eine Metapher für die dunkelsten Ecken der schwarzen Psyche. Gabby Sidibe erlaubt es dem schwarzen Amerika, sich mit diesen Abgründen des Selbsthasses zu versöhnen, Precious als Teil seiner selbst anzunehmen und vielleicht sogar ein wenig zu lieben. Es ist ein riesiger Schritt in einem unendlich schwierigen Prozess.

Einem Prozess der Heilung.

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