Finanzkrise : Arme Spekulanten

Harte Zeiten an der Wall-Street: Banker verbrauchen Massen an Taschentüchern und rennen den Psychotherapeuten die Bude ein – sie sind fix und fertig. Aber nicht nur sie.

Rita Neubauer[San Francisco]
Markets Continue To Drop Despite Emergency Rate Cut
Depression an der Wall Street.Foto: AFP

Als Psychologe reicht Stephen Josephson seinen Patienten normalerweise Taschentücher und nickt mitfühlend. Doch dies sind keine normalen Zeiten. Vergeht doch kein Tag, an dem nicht eine Bank kollabiert, die Börse in den Keller rauscht oder Anleger Milliarden verlieren. Harte Zeiten, weiß der Psychologe, verlangen harte Methoden.

Erst recht in New York. Erst recht mit Klienten, die sich einst arrogant zu den „Masters of the Universe“ zählten – unschlagbar und besser als der Rest der Welt. Diese Elite liegt nun bei Josephson auf der Couch. Und sie will kein gutes Zureden und kein Mitgefühl. Bei ihr funktioniere nur eines: „Bullying“ – die grobe Anmache. „Sie wollen als ganze Kerle behandelt werden und aus ihrer Depression herausgeprügelt werden“, rechtfertigt Josephson seine unorthodoxe Behandlungsmethode für depressive Finanzmanager, die er „Weichei“ schimpft und anherrscht: „Get your balls back!“

Die gestiegene Nachfrage nach psychotherapeutischer Hilfe und spirituellem Beistand bekommt auch die Trinity Church zu spüren. Nur einen Steinwurf von der New Yorker Börse entfernt, sieht die Kirche dieser Tage ungewöhnlich viele Börsianer – beim Morgengebet ebenso wie zur Zwölf-Uhr-Andacht.

Mary Ragan, die bei Trinity tätige Psychologin, wundert das nicht. „Sie haben ihr Geld verloren, ihren Job, ihre Identität, ihr Selbstbewusstsein und das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle zu haben.“ Und wer noch einen Job habe, der frage sich „Bin ich der Nächste?“ All dies könne zu schweren Depressionen führen.

Nicht nur die Wall Street leidet. Acht von zehn US-Bürgern, so die jüngste Studie der American Psychological Association, machen die Wirtschaftskrise für ihren Stress verantwortlich. „Die Leute sorgen sich um ihr Vermögen, ihre Arbeit und die Wirtschaft generell als Folge dieser demütigenden Krise“, sagt Jana Martin, die Sprecherin der Psychologen-Vereinigung. Krisen-Hotlines hören die Angst in den Stimmen. Priester und Rabbiner werden als Seelsorger gefordert. Doch oft gehen gerade hier die theologischen Einschätzungen weit auseinander. Die einen hoffen, der Einbruch werde die Menschen zu mehr Glauben und weniger Sucht nach Materiellem führen. Andere geißeln Gier und Habsucht.

Selbst Richard Peterson, der CEO von Marketpsych.com, der normalerweise Geldmanagern die Stimmung des Marktes erklärt, rät zum tiefen Durchatmen. Dann Sport machen oder mit dem Hund spielen.

Im Ernst, sagt er. Denn Panik verschlimmere das Ganze nur noch. Einen Börsentipp hat die Firma aus Los Angeles auch parat: Warum nicht gerade jetzt Google-Aktien kaufen, die billiger denn je seien. Doch wer hat gerade jetzt die Nerven oder das Geld dafür?

Psychotherapeuten sehen noch einen anderen Trend. Denn nicht jeder ihrer Kunden ist ein hoch bezahlter Finanzmanager, der sich locker eine 400 Dollar teure Stunde auf der Coach leistet.

Gerade die, die es am bittersten nötig hätten, nicht versicherte Arbeitslose, reduzieren die wöchentlichen Stunden oder bleiben den Sitzungen ganz fern. „Die Leute fragen sich, ob sie sich eine Therapie überhaupt noch leisten können“, sagt Jaine Darwin, die an der Harvard Medical School lehrt und eine eigene Praxis unterhält.

Solche Sorgen scheint Stephen Josephson nicht zu haben. Im Gegenteil. Sein Terminkalender ist voll. Er muss vielmehr zusehen, dass sich die Manager in seiner Praxis nicht auf dem Flur begegnen. Denn wer will schon dabei gesehen werden, sagt er. Haben diese Leute doch allein schon das Problem, überhaupt über ihre Depressionen zu reden. Stattdessen klagen sie lieber über Rückenschmerzen, Appetit- und Schlaflosigkeit.

Josephson sieht denn auch schon die nächste Krise im Leben der einst mächtigen „global player“ heraufziehen: die Ehekrise. Wenn nämlich die Frauen, die angeblich weiterhin die Renovierung des Sommersitzes in den Hamptons und teuere Urlaubsreisen planen, jäh auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Hält es eine Ehe aus, wenn der gewohnte Luxus plötzlich wegfällt?

Hier vermeidet er lieber drastische Worte und empfiehlt gemeinsame Sitzungen. „Wenn einer jedoch nicht aufhört mit dem Klagen, dass seine Frau all sein Geld verbraucht, dann sag ich irgendwann: Hör endlich auf mit dem Jammern. Du hast einmal 15 Millionen Dollar gemacht – das kannst du wieder tun, verdammt noch mal.“

Super Tipp.

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