Welt : First Ladies: Die Macht an seiner Seite

Ruth Ciesinger

Zwar hatten die Vereinigten Staaten noch nie eine Präsidentin, de facto aber regierte zwischen 1919 und 1921 ein Frau das Land. Edith Wilson war die zweite Frau von Woodrow Wilson, der nach schwerer Krankheit kaum noch sprechen, geschweige denn arbeiten konnte. Es gelang ihm gerade noch mit zitternder Hand die Dokumente zu unterzeichnen, die ihm seine Gattin vorlegte. Soviel Macht ist dann doch eher unüblich, aber auch die ehemalige First Lady Barbara Bush spricht gerne von der Zeit "when we were president", mit Betonung auf dem wir.

Dass ein Ehepaar auch Fragen aus dem Job diskutiert, ist klar. Aber wie sieht das aus beim mächtigsten Mann der Welt? Die Journalistin Kati Marton hat fünf Jahre lang recherchiert, mit Regierungsmitgliedern und den noch lebenden "First Couples" gesprochen, um herauszufinden, wie groß der Einfluss der First Lady auf die Regierung ihres Mannes ist.

Ihr Ergebnis: "Wenn die Partnerschaft funktioniert, weit größer, als gedacht", sagt Marton im Gespräch. Die 50-Jährige war Deutschland-Korrespondentin für ABC News und ist in zweiter Ehe mit dem ehemaligen Sondervermittler für Jugoslawien, Richard Holbrooke, verheiratet. Marton kennt das Politikgeschäft. In "Hidden Power! How Presidential Wives Affect The Governance" betrachtet sie die Ehen von zwölf Präsidentenpaaren, angefangen von Woodrow Wilson, bis hin zum amtierenden Präsidenten. "Niemand wollte bisher wahrhaben, wie groß die Macht der First Lady ist", sagt Marton.

Sie inszeniert ihren Mann

Dabei räumt sie mit Klischees auf. Nancy Reagan sei viel politischer gewesen als angenommen. Ihrer Ansicht nach war es in Ronald Reagans Interesse, nicht den Kriegstreiber zu geben, sondern den auf Frieden bedachten Politiker. So war es unter anderem Nancys Einfluss, sagt Marton, der den Kalten Krieg entspannte. Sie inszenierte ihren Mann. Bei einer Moskau-Reise sprang sie mit ihm gegen den Willen von KGB und Secret Service aus der Limousine für ein Bad in der Menge, wo ihr Gatte den "Big Smiling American" geben konnte. Sie war es auch, die das Haus auswählte, in dem sich Reagan und Gorbatschow in Genf zu Abrüstungsverhandlungen trafen. Nancy Reagan war ständig in Kontakt mit den Beratern und Ministern ihres Mannes, unter anderem James Baker. Wer nicht wusste, wieviel Reagan auf ihre Meinung gab, hielt sich nicht lang. "Niemand auf der Welt ist so umschmeichelt und abgeschirmt wie der Präsident", erklärt Marton. Er sei deshalb abhängig von jemandem, der keine Angst davor habe, ihm die Meinung zu sagen, und der auf der anderen Seite die Verbindung zur realen Welt herstellt.

Jacqueline Kennedy hat das so ausgedrückt: "Ein Präsidentenpaar hat niemand anderen als sich selbst." Auch Jackie sei ganz und gar nicht nur eine "ornamenthafte Kreatur" gewesen, sondern eine sehr an Geschichte interessierte Frau, die für ihren Mann Politiker wie de Gaulle und Chruchtschow mit ihrem Charme einwickelte. Sie prägte zudem den Camelot-Mythos der Kennedy-Jahre, in dem sie das Weiße Haus zu einem kulturellen Zentrum Amerikas machte. Erstaunlicherweise hat der notorische Fremdgeher Kennedy, ebenso wie Lyndon B. Johnson, eine enge Bindung zu seiner Frau gehabt. Die Präsidentenpaare verbindet eben auch die Politik. Die Kennedys, genauso wie die Johnsons und die Clintons hatten bereits gemeinsam für die Präsidentschaft gekämpft, die Gatten hatten schon vorher politische Ämter inne. "Er würde vielleicht länger leben, wenn er nicht als Präsident kandidieren würde, aber wäre es das wert?". Diese Worte zitiert Marton aus Lady Bird Johnsons Tagebuch. Keines der Paare hat sich nach dem Weißen Haus scheiden lassen. "Das schweißt zusammen", sagt Marton. Die Ausnahme, die für sie die Regel bestätigt, ist das Ehepaar Nixon. Die Ehe der beiden war schlecht, Nixon stürzte sich völlig in die Politik und wurde zusehends paranoider. Hätte seine Frau Patricia ihn als Vertraute davor bewahren können, wäre Watergate nicht passiert, vermutet Marton.

Dass Hillary Clinton wegen ihrer politischen Ambitionen so stark kritisiert wurde, liegt laut Marton also nicht daran, dass vor ihr keine First Lady politisch interessiert gewesen sei. Hillarys Fehler war es, das Amt der First Lady zu offensichtlich als Job anzustreben. Ansonsten verkörpert diese Frau so ziemlich all das, was Marton in ihrem Buch als Voraussetzung für eine einflussreiche Präsidentschaftsgattin herausgefunden hat. Jetzt ist die ehemalige First Lady selbst Senatorin.

Das absolute Gegenteil der Clintons verkörpert für Marton das amtierende Präsidentenpaar. Für Laura und George W. Bush hat sie deutliche Worte übrig. Beide seien sie nicht an Politik interessiert, überhaupt erst seit sechs Jahren politisch tätig - die kürzeste Zeit für einen amerikanischen Präsidenten bisher. Eigentlich wären sie besser in Texas aufgehoben, Laura beim Lesen und George W. beim Holzfällen. Sie glaubt nicht, dass die beiden einen tiefen Eindruck hinterlassen werden. Kati Marton jedenfalls wartet jetzt bereits auf den ersten First Gentleman. Und die erste wirkliche amerikanische Präsidentin.

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