• Flatrate-Bordelle: Polizei lässt Sexarbeiterinnen auf der Straße übernachten

Flatrate-Bordelle : Polizei lässt Sexarbeiterinnen auf der Straße übernachten

Das Bordell ist zu, die Prostituierten aber sind nicht nur arbeits-, sondern auch wohnungslos. Die Kampagne der Stuttgarter Landesregierung gegen Flatrate-Bordelle führt zu einer unwürdigen Situation für die Frauen.

Hannes Heine
290511_0_d8dda6c3.jpg
So zeigten sich die Frauen vor der Razzia. Dann wurden sie vertrieben. -Foto: dpa

Das Bordell ist zu, die Prostituierten aber sind nicht nur arbeits-, sondern auch wohnungslos. In Fellbach bei Stuttgart haben 80 Huren die Nacht zu Dienstag – in Decken gehüllt – im Freien verbracht. Sie mussten auf der Straße übernachten, eine entwürdigende Situation für die Frauen. Ein Polizeisprecher sagte, vermutlich hätten die Frauen sonst in dem Großbordell übernachtet. Der Puff in Fellbach und ein Haus in Heidelberg waren offiziell wegen Hygienemängeln geschlossen worden. Am Sonntag hatten 700 Polizisten vier Bordelle der Kette Pussy-Club in Fellbach, Heidelberg, Wuppertal und Schönefeld bei Berlin gestürmt – wegen Steuerhinterziehung und Sozialversicherungsbetrug. Die Geschäftsführerin und drei Personen zwischen 21 und 29 Jahren sitzen in Untersuchungshaft. Im Fellbacher Bordell seien 200 000 Euro Bargeld beschlagnahmt worden. Die Polizei schätzt die Tageseinnahmen des Hauses auf 22 000 Euro. Bei vollen Sozialabgaben wären nur 2000 Euro geblieben, hieß es.

Der Hintergrund der Razzien sind aber offenbar weder Hygienemängel noch Steuerdelikte, sondern das politische Ziel, sogenannte Flatrate-Bordelle zu schließen. Öffentlich profiliert hat sich vor allem der baden-württembergische Justizminister Ulrich Goll (FDP). „Ich habe nichts gegen normale Bordelle, solche Flatrate-Puffs verstoßen aber gegen die Menschenwürde“, hatte Goll am Montag verkündet. Der Fellbacher Oberbürgermeister Christoph Palm hat am Dienstag ausdrücklich ein Gesetz gegen Flatrate-Bordelle gefordert. „Das darf in unserer Gesellschaft nicht Fuß fassen“, erklärte der CDU-Landtagsabgeordnete. Die vier Großbordelle hatten unter anderem mit einem All-inclusive-Angebot geworben: „Für 70 Euro so viel Sex, wie du willst.“ Für den Pauschalpreis gab es – theoretisch – unbegrenzten Verkehr mit den Frauen der Häuser.

Zwei Tage nach der Großrazzia hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart verkündet, nach Hintermännern der Bordelle zu suchen. Oberstaatsanwalt Andreas ThulEpperlein sagte am Dienstag, man prüfe, wer im großen Stil an der Sache verdiene. Offenbar traut man der in Untersuchungshaft sitzenden Bordellwirtin und ihren Mitarbeitern die Leitung der vier Pussy-Clubs nicht zu.

Mittlerweile gibt es bundesweit etwa 40 Bordelle, bei denen die Gäste eine feste Summe zahlen und dafür soviel Sex bekommen können, wie sie wollen. Um das Entstehen von Flatrate-Bordellen zu verhindern, reichten die legalen Möglichkeiten derzeit nicht aus, klagte CDU-Politiker Palm. Auch die Schwesterpartei CSU forderte Gesetzesverschärfungen. „Das zeigt mir, dass die Razzia nicht wegen der Steuern und Sozialabgaben stattfand, sondern politisch motiviert war“, sagt Stephanie Klee, selbst Prostituierte und Sprecherin des Bundesverbands für sexuelle Dienstleistungen. Kirchen und Bürgerinitiativen hätten so lange Druck gemacht, dass mit dem Thema nun in den Wahlkampf gezogen werde.

„Leider sind die meisten in der Branche gewohnt zu kuschen, sich zu fügen“, sagt Klee. „Wird ein Laden dichtgemacht, versuchen die Frauen, woanders unterzukommen, statt gegen die Behörden zu protestieren.“ Klee zufolge ist der moralische Druck gegen käuflichen Sex trotz Legalisierung der Prostitution 2002 hierzulande immer noch sehr hoch. Der Verein gegen Sextourismus und Menschenhandel „Solwodi“ hatte die Angebote der PussyClubs mit „Sklaverei“ verglichen, die Frauen würden dort wie Essen und Trinken vermarktet.

„Eine Schnäppchenmentalität gibt es bei allen Dienstleistungen“, sagt der renommierte Berliner Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers. Meistens gingen zu billige Angebote zulasten der Qualität des Erlebnisses. Zu den Hinweisen von Huren, die Freier würden bei einem Besuch ohnehin nicht mehr als zwei Mal Sex wollen, erklärte Ahlers: „Das ist nicht unwahrscheinlich, schließlich verhindert die Refraktärphase, dass man sofort wieder kann.“ Als Refraktärphase bezeichnet man die sich an einen Orgasmus anschließende Erholungszeit. Während ein Heranwachsender schon nach 15 Minuten wieder eine volle Erektion haben könne, dauere es etwa bei einem 80-Jährigen schon mal bis zu zwölf Stunden. Eine Gelegenheitsprostituierte, die auch in dem Schönefelder Pussy-Club gearbeitet hatte, berichtete, dass ihre Kunden im Schnitt etwa 40 Jahre alt gewesen seien.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben